Die Sprache gibt den Löffel ab

Wer kommt in meine Sprache?
Frag ich dich
frag du mich
die Schlaflose.
Komm
frag mich doch, du mich doch, ich dich dann wieder.
Gibt es das Tor in deiner Sprache
das auf mein Herzklopfen sich öffnet?

Auszug aus „Die Sprache gibt den Löffel ab“ von Orsolya Kalász

Nachträglich, zum Welttag der Poesie am 21. März, ein paar Zeilen aus einem wunderbaren Gedicht von Orsolya Kalász, auf das ich über den Austausch zu einem Artikel hier im Blog gestoßen bin. Es ist Teil der von Tzveta Sofronieva herausgegebenen Anthologie „Verbotene Worte“ und kann online in voller Länge abgerufen werden.

Veröffentlicht unter Lyrik | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Finde die Unterschiede!

Weiterführende Links:
ZEITmagazin Titelhelden

Veröffentlicht unter Buchkunst | Verschlagwortet mit , , | 11 Kommentare

István Orosz – Meister der Illusion

Corner House

Plakatkunst und Plakatkünstler, hauptsächlich aus dem osteuropäischen Raum, faszinieren mich seit ich mich das erste Mal näher mit Osteuropa auseinandergesetzt habe. Der Polnische Film und das klassische Polnische Plakat, ob zu heimischen oder ausländischen Filmen, haben es mir dabei besonders angetan. Stil und Form unterscheiden sich stark, schaffen es aber häufig, dass man zum Nachdenken angeregt wird, indem sie mehr oder weniger subtil und abstrakt, manchmal auch gewagt, Themen und Fragen eines Films aufgreifen, was viele Plakate, denen man heutzutage in Kinos begegnet, vermissen lassen. Manchmal sind es aber auch „nur“ wunderbare, intelligente graphische Ideen, deren Umsetzung herrlich simpel erscheint oder eine außergewöhnliche Motivwahl, die diese Plakate auszeichnen. Generell heben sich künstlerisch gestaltete Plakate angenehm von der Masse der Fließbandproduktionen ab, auf denen bloß ein Screenshot des Films zu sehen ist. Erst recht, wenn sie erfrischend, innovativ, kreativ und eigen sind. Im Kino Světozor in Prag konnte ich schon mehrmals die Plakate verschiedener Künstler bewundern, die dort im Café und den Räumlichkeiten vor den Sälen an den Wänden hängen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Plakate waren es dann auch, die meinen Blick auf das vielseitige künstlerische Werk des ungarischen Graphikers, Malers und Animationsfilmemachers István Orosz lenkten. In seinen Grafiken, Radierungen und Filmen spielt er mit den Perspektiven und täuscht dabei die Sinne. Viele seiner Bilder sind doppelbödig und lassen verschiedene Deutungen zu. Ganz besonders beeindruckt haben mich zwei seiner Animationsfilme, „Mind the Steps“ (Vigyázat lépcső!) aus dem Jahr 1989 und „Time Sights“ (Az idő látképei), 2004.

Außergewöhnlich fand ich beim folgenden Film in erster Linie nicht nur das Visuelle, sondern die Vertonung. Trotz der fremden Sprache, hinterlässt der Kanon der männlichen und weiblichen Stimmen (es müssten 4 Sprecher, 2 männliche und 2 weibliche sein), die dann zwischendrin „die Seiten“ wechseln und sich kurzzeitig überlagern und bei dem Wort Symmetrie eine ebensolche bilden, einen bleibenden Eindruck. Dank der Übersetzung bei youtube (zum Verständnis unter dem Video bei youtube auf „Mehr anzeigen“ klicken) kann man dann auch einen Sinn darin finden, eine Stimme drückt die Zukunft, die andere die Vergangenheit aus. Mit den entsprechenenden Sprachkenntnissen ist das sicher eine ganz andere Erfahrung, dennoch finde ich das Ergebnis auch ohne solche sehr spannend, hörens- und sehenswert!

Weiterführende Links:
Plakate von István Orosz
Illusionen
Homepage
Blog
Polnische Plakate können unter anderem hier begutachtet und erworben werden:
polishposter.com
pigasus-gallery.de
Datenbank zum Polnischen Plakat

Veröffentlicht unter Sonstiges | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Seitengeschnetzeltes oder Seitenschnipselsalat

Creative Commons Lizenz, © The Opte Project
Der Weltraum – unendliche Weiten. Diesen Satz (oder sind es zwei Sätze?) hat wahrscheinlich jeder schon mal gehört. Mittlerweile könnte man den „Weltraum“ ebenso mit „Internet“ ersetzen. Das obige Bild ist Teil einer „Karte“ des Internets aus dem Jahr 2005 und erinnert mich in seiner Visualisierung an eine Galaxie, feinverzweigtes Wurzelwerk oder auch an eine Pusteblume. Wie auf einem Pusteblumenfeld die Samen, fliegen die Seiten vorbei, verliert man auf den fein verzweigten Wurzelwegen schon mal den Überblick bzw. das, was man eigentlich zu suchen vorhatte und kommt, wie ich hier gerade, vom Hundertsten ins Tausendste. Da sich nicht jeder Fund für einen eigenen Beitrag eignet oder dieser aber so lange aufgeschoben wird, bis er schließlich unter den Tisch fällt, möchte ich in Zukunft in unregelmäßigen Abständen hier auf dem Blog daraus Seitengeschnetzeltes braten oder – für die Vegetarier – Seitenschnipselsalat servieren, abgelegt unter der bereits vorhandenen Kategorie Tipps. Die Zutaten sollen vorwiegend literarisch angehaucht sein, können aber hie und da mit fremden Ingredienzien garniert werden. Bon Appétit!

Anfang Dezember bin ich über die Facebookseite von Olja Savičević Ivančević auf die Literaturzeitschrift „Sarajevske Sveske“ (zu dt.: Hefte aus Sarajevo) aufmerksam geworden, die vor nicht langer Zeit ihr 10jähriges Jubiläum feierte. Die Zeitschrift wurde von einer Gruppe Intellektueller aus allen Ländern des ehemaligen Jugoslawien ins Leben gerufen und beleuchtet seither aus verschiedenen Blickwinkeln viele Themen, u.a. Entwicklungen in der zeitgenössischen Literatur und Sprache der Region, Schriftsteller und nationalistische Ideologien, Literatur über den Krieg, nicht-europäisches Europa u.v.m. Zum Jubiläum erschien eine 208seitige Sonderausgabe „Best of Sarajevo Notebooks II“ übersetzt in englischer Sprache, in der es u.a. viele zeitgenössische Kurzgeschichten, darunter eine von Olja Savičević Ivančević, zu entdecken gibt. Die Ausgabe kann man sich als PDF kostenfrei herunterladen.

WORDS without Borders ist ein englischsprachiges Online-Magazin für internationale Literatur, das sich „der besten zeitgenössischen Literatur“ widmet. Jeden Monat werden 8-10 neue Werke internationaler Schriftsteller vorgestellt. Neben dem Magazin gibt es verschiedene Anthologien in gedruckter Form zu kaufen. Diesen Monat habe ich mich über die Rezension zu Dubravka Ugrešićs neuen Essayband „Karaoke Culture“ (dt. Titel: Karaokekultur) gefreut, der Ende Februar auf Deutsch im Berlin Verlag erscheint.

Im Guardian sind anlässlich des am 30. Dezember letzten Jahres verstorbenen britischen Zeichners und Karikaturisten Ronald Searle mehrere Artikel erschienen. Darunter sind 10 Zeichnungen aus seinem jüngsten Buch „Les Très Riches Heures De Mrs Mole“ zu bewundern. Searle hatte die Zeichnungen, insgesamt 47, über einen Zeitraum von fünf Jahren gemalt, als seine Frau den Brustkrebs bekämpfte. Ihr wurden damals, das war im Jahr 1969, 6 Monate gegeben. “Das war 40 Jahre her“ kann man unter einem der Bilder lesen. Sie hatte den Krebs besiegt. Die Bilder sind wunderschön und ein ganz besonderes Geschenk an einen geliebten Menschen. Bei ihrem Anblick fällt es mir nicht schwer zu glauben, dass sie Kraft spendeten und ihren Teil zur Genesung beitrugen. Ein Nachruf (darunter Links zu weiteren Artikeln über Searle) ist gestern im Guardian erschienen.

Veröffentlicht unter Aktuelles, Tipps | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Wajdi Mouawad: Verbrennungen

In der Notarskanzlei von Hermile Lebel haben sich Jeanne und Simon eingefunden, um der Testamentsverlesung ihrer verstorbenen Mutter Nawal Marwan beizuwohnen. Nawal Marwan hatte viele Jahre in Lebels Kanzlei als Sekretärin gearbeitet. Ihr letzter Wille wird verlesen:

„Beerdigen Sie mich völlig nackt
Beerdigen Sie mich ohne Sarg
Ohne Kleidung, ohne Leichentuch
Ohne Gebet
Mit dem Gesicht zum Boden
Legen Sie mich in ein Loch
Mit der Vorderseite der Erde zugewandt
Als Lebewohl
Schütte jeder
Einen Eimer kaltes Wasser über mich
Dann sollt ihr Erde auf mich werfen
Und mein Grab schließen“

Auf einen Grabstein und eine Inschrift solle ebenfalls verzichtet werden. Teil des Testaments sind auch zwei Umschläge, einer für Jeanne und einer für Simon. Jeanne erhält den Auftrag, den Umschlag ihrem Vater zu überbringen und Simon soll seinen Umschlag dem gemeinsamen Bruder überbringen. Weder wussten die Beiden, dass der Vater noch am Leben sein soll, geschweige denn von einem weiteren Bruder. Erst wenn die Umschläge ihren Empfänger erreicht haben, werde ein Stein auf ihrem Grab aufgestellt werden können und ihr Name in der Sonne geschrieben stehen, schreibt Nawal in ihrem Testament. Wo die Suche beginnen? Die letzten fünf Jahre verbrachte die Mutter in völligem Schweigen, auch ihren Kindern gegenüber. Die Überraschung über den ungewöhnlichen Willen der Mutter ruft bei Simon Zorn und Ablehnung hervor. Zu groß ist bei ihm die Wunde, die das plötzliche und unerklärliche Verstummen der Mutter hinterlassen hat. So ist es anfangs nur Jeanne, die ihre Aufgabe zu erfüllen versucht und so hinter das Schweigen ihrer Mutter kommen möchte. Sie macht sich auf in das Land ihrer Mutter.

„Ich werde versuchen, diesen Vater zu finden, und wenn ich ihn finde, wenn er noch am Leben ist, werde ich ihm den Umschlag geben. Ich tue das nicht für sie, sondern für mich. Für dich. Für die Zukunft. Aber dazu muss ich zuerst sie finden, Mama muss ich finden, in ihrem früheren Leben, in dem Leben, das sie all die Jahre vor uns versteckt hat. Sie hat uns blind gemacht. Heute habe ich Angst, verrückt zu werden.“

Stück für Stück lernen sie (Simon reist später nach) das Leben der Mutter und ihre eigene Herkunft kennen. Es ist eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes, die im Krieg begann.

Mouawads Theaterstück ist verschachtelt und verzweigt. Zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen wird nicht nur gesprungen, sondern sie scheinen gelegentlich zu verschmelzen, indem sie parallel und im Wechsel verlaufen (und interagieren teils, z.B. indem Nawal auf eine in den Raum gestellte Frage tatsächlich antwortet). Die Geschichte der Mutter Nawal führt von ihrer Jugend über das 40. Lebensjahr bis zu ihrem Tod im Alter von 60 Jahren. Die Zeitsprünge offenbaren ganz langsam das tief vergrabene Geheimnis Nawals, immer wieder unterbrochen von den Nachforschungen der Kinder. Mathematisches kommt metaphorisch zum Einsatz, wie z.B. die zu lösende Spekulation um das Vieleck.

„Wir gehören alle zu einem Vieleck. Ich dachte, ich würde meinen Platz in dem Vieleck, zu dem ich gehöre, kennen. Ich hielt mich für den Punkt, der nur seinen Bruder Simon und seine Mutter Nawal sieht. Jetzt erfahre ich, dass ich von dem Ort aus, an dem ich bin, auch meinen Vater sehen könnte. Ich erfahre auch, dass es noch ein weiteres Element in diesem Vieleck gibt, einen weiteren Bruder. Der Sichtbarkeitsgraph, den ich immer gezeichnet habe, ist falsch. Welcher ist mein Platz in dem Vieleck?“

Denis Villeneuve: Incendies

„Verbrennungen“ ist ein unglaublich erschütterndes Stück, dessen Spannung sich stetig steigert. Die Wechsel in Zeit und Ort bieten sich gerade auch für eine Verfilmung an. Dieser hatte sich der Kanadier Denis Villeneuve 2010 mit „Incendies“ angenommen. Ich bin erst über den Film auf das Theaterstück aufmerksam geworden, das, wie man am Ende des Buches lesen kann, seit 2006 eines der meistgespielten zeitgenössischen Theaterstücke im deutschsprachigen Raum ist. Der Film hat mich sehr bewegt und lange Zeit nicht losgelassen. Ich halte ihn für einen der besten des letzten Jahres. „You and whose army?“ von Radiohead wird wohl von nun an die Bilder des Films in den Kopf zurückholen. Eine deutsche DVD erscheint am 20. Januar. Ich empfehle den Film in französischer und arabischer Sprache mit Untertiteln zu sehen.

Wajdi Mouawad
Verbrennungen
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2010
ISBN: 9783886612994
broschiert, 123 Seiten, 10€

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch

Veröffentlicht unter Film, Kanadische Literatur, Romane & Erzählungen | Verschlagwortet mit , , , , | 10 Kommentare