¿Dónde está Wally?

In Michel Butors „Der Zeitplan“ bemächtigt sich die Stadt ihres Protagonisten, langsam und schleichend, wie das Virus seines Wirts. Butor zeichnet ein düsteres, nebulöses Bild, das schwer zu durchschauen ist. Voller Gegensätze und Widersprüche ist die Großstadt im Allgemeinen. Einerseits der pulsierende Schmelztiegel der Kulturen, Ort der Entfaltung und Selbstverwirklichung, Eldorado der Kreativen und Intellektuellen, andererseits der Moloch, der das Positive verschlingt und in dem stattdessen Einsamkeit, Entfremdung und Anonymität blühen. Ein Beispiel für alles, was gut und schief läuft in unserer Gesellschaft.
Was machen Großstädte mit uns? Was machen wir mit ihnen? Was stellen sie dar? Ist es die Stadt, die uns mehr beeinflusst oder ist es unser Lebensstil? Welchen Einfluss übt die Architektur auf unser Befinden aus? Fragen, besonders Letztere, über die ich mir schon mehrmals Gedanken gemacht habe. Fragen, mit denen sich auch ein wunderbarer Film aus Argentinien beschäftigt.

Medianeras

Martín (Javier Drolas) lebt in Buenos Aires und fühlt sich, als habe er die letzten 10 Jahre hinter dem Rechner verbracht.  An Panikattacken und sämtlichen Neurosen und Phobien leidend, verkroch er sich in seinem düsteren, einfenstrigen Einzimmerapartment und perfektionierte seine Fähigkeiten im Videospiel. Sein Beruf als Webdesigner zwang ihn nicht nach draußen. Martín befindet sich auf dem Weg der Besserung. Mit seinem Psychiater, den er zwei Mal die Woche aufsucht, entwickelte er eine Strategie, seine Angst vor der Stadt zu überwinden: die Fotografie. Seine Art, die Stadt und ihre Menschen wiederzuentdecken. Beobachtend, sich selbst ablenkend, das Schöne suchend, wo es nicht offensichtlich ist. Sein gefüllter Überlebensrucksack begleitet ihn bei seinen Fußmärschen aus der Isolation.

Mariana (Pilar López de Ayala) ist seit zwei Jahren Architektin, in denen sie, von unbewohnbaren Modellen abgesehen, bisher nichts erbaut hat. Auch bei anderen Konstrukt(ion)en in ihrem Leben erging es ihr nicht viel besser. Ihre vierjährige Beziehung stürzte trotz intensiver Bemühungen sie zu stützen, in sich zusammen. Ihr unordentliches Leben in Kartons verpackt, sitzt Mariana in ihrer Schuhschachtel (so werden die kleinen Apartments auch genannt) und lässt Luftpolsterfolie knallen, um nicht selbst zu platzen. Gerne würde sie in ihrem Lieblingsgebäude, dem Planetarium, abheben und diese Welt verlassen. Gleichzeitig erdet sie dieser Platz, erinnert sie daran, dass sich die Welt nicht um sie dreht. Bis sie als Architektin arbeiten kann, richtet sie Schaufensterscheiben ein. Zurzeit spielen männliche Schaufensterpuppen eine größere Rolle in ihrem Leben, als ihr lieb sein kann.

Martín und Mariana leben in nebeneinander liegenden Gebäuden und kennen sich nicht obwohl sie sich hin und wieder über den Weg laufen. Können sie zueinander finden?

Gustavo Tarettos Film ist ein Kleinod, das aus der Fülle an belanglosen und kitschigen Filmen über Zwischenmenschliches herausragt. In der brillanten und poetischen Einführungssequenz werden in künstlerischen Bildern die Gegensätze und Zwänge der Großstadt durch die Architektur beleuchtet. Mittels der Poesie der Bilder und der Monologe der Hauptfiguren erreicht „Medianeras“ eine Tiefe, die den meisten Filmen dieses Genres abgeht. Welches Genres eigentlich? So genau festlegen möchte ich mich dabei gar nicht und noch einmal zur Einleitung zurückkehren. Die Stadt und das Leben in ihr, werden hier auch zu einer Art Protagonist, es ist ganz sicher ebenso ein Stadtfilm, wie ein Drama oder eine Komödie. Das Scheitern in Beziehungen, Isolation, Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit, in und vor dem Hintergrund der Stadt, sind Themen des Films. Ein weiteres zentrales Motiv des Films sind die digitalen Kommunikationsmittel heutigentags. Da werden nach einer gescheiterten Beziehung keine Fotos mehr zerrissen, sondern 38.9 Megabyte Geschichte in den Mülleimer verschoben. „Wenn doch nur der Kopf so gut funktionieren würde, wie mein Mac“ sagt Mariana in einer Szene. Liebenswerte und originelle Einfälle (Animationen, Visualisierungen, Das Wimmelbilderbuch Wally, das Klavier usw.) gibt es ebenso zu entdecken, wie kritische und nachdenkliche Töne. „Wozu sind die Kilometer an Kabel, die über der Stadt gespannt sind? Um uns zu verbinden oder zu trennen?“

Ein feiner Humor, natürliche und sympathische Darsteller sorgen dafür, dass der Film bestens unterhält, aber dennoch die Oberfläche verlässt. „Medianeras“ ist ein kluger, feinfühliger Film aus Argentinien, der mir lange im Gedächtnis bleiben wird.

Der Film ist letztes Jahr in Frankreich und kürzlich in den USA und in der Schweiz auf DVD erschienen.

Weiterführende Links:
Homepage
DVD bei Trigon

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11 Antworten zu ¿Dónde está Wally?

  1. buechermaniac schreibt:

    Das ist ein toller Tipp, den du abgibst, hab vielen Dank dafür.

    Ich habe mir den Trailer gleich angeschaut und den finde ich wirklich vielversprechend. Allein das Trigon dahintersteht, ist für mich eine Qualitätsgarantie oder ein Gütesiegel, denn Trigon-Film hat, seit ich denken kann, immer feine Studiofilme herausgebracht, seien das Dramas oder Komödien.

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich schließe mich buechermaniac an – ein toller Tipp und eine schöne Besprechung. Trigon sagt mir zwar nichts (mir wird mal wieder meine Unwissenheit in Sachen Film bewusst) – schauen würde ich den Film aber trotzdem gerne …🙂

  3. wortlandschaften schreibt:

    Freut mich, dass ihr Lust bekommen habt. Der französischen Trailer ist auch ganz toll gemacht, er hebt die wunderbaren Bilder und das Poetische mehr hervor, wie ich finde:

    Trigon-Film ist unter Filmbegeisterten auch über die Schweiz hinaus bekannt, es ist allerdings keine Bildungslücke, sie nicht zu kennen. Ich bekomme seit langer Zeit immer den Newsletter und bin alleine dadurch recht gut über neue Filme aus Lateinamerika, Afrika und Asien informiert. Auf diesem Gebiet ist Trigon-Film so etwas wie ein Gütesiegel, da gebe ich buechermaniac Recht. Etliche Titel habe ich aus deren Sammlung, natürlich nicht alle von deren Label, sondern aus allen Ecken der Welt.

    Die Filme erscheinen in der Originalfassung mit Untertiteln auf DVD. Für mich sind Originalfassungen oft wie ein kleiner Urlaub, eine Reise in andere Klangwelten, auch wenn ich die meisten Sprachen nicht spreche. Ich genieße das und denke mir, dass im Urlaub in fremden Ländern die Sprache doch einen nicht unerheblichen Anteil daran hat, ein Gefühl von Befreiung und Freiheit hervorzurufen. Da hebt einen der Klang und eventuell die eigene Sprachlosigkeit etwas aus dem Trott heraus, selbst wenn man die Fremdsprache beherrscht.

    Das soll aber nicht heißen, dass ich nicht verstehe, wenn jemand gerne synchronisiert schaut.
    „Medianeras“ soll übrigens am 3. Mai in Deutschland in die Kinos kommen, wie ich gerade gesehen habe. Hoffentlich nicht bloß in den Großstädten. Dahingehend vermisse ich das Leben in der Großstadt schon, denn die Kinolandschaft blüht auf dem Lande ja nicht gerade.

  4. caterina schreibt:

    Oh, das sind ganz wundervolle, poetische Stadtlandschaften. Die Macher des Films haben tatsächlich das Talent, „das Schöne“ zu finden, „wo es nicht offensichtlich ist“. Danke für den tollen Tipp! Der 3. Mai ist ja nicht mehr allzu fern, und in Frankfurt dürfte so ein Film in eins, zwei Kinos laufen.

    • wortlandschaften schreibt:

      Ja, in Frankfurt wird er bestimmt zu sehen sein, auch in der Originalfassung. Er lief ja letztes Jahr schon vereinzelt bei besonderen Anlässen in Deutschland im Kino und natürlich bei der Berlinale. Auch schon wieder über ein Jahr her. Vergiss nicht, Deine Meinung hier kund zu tun, falls Du ihn siehst.😉

  5. Bücherliebhaberin schreibt:

    Oh ja den muss und will ich unbedingt sehen! Großer Pluspunkt: Der Film spielt in Buenos Aires – hach da kommt das Fernweh wieder hoch. Danke für diese tolle Anregung.

    • wortlandschaften schreibt:

      Warst Du schon in Buenos Aires? Irgendwo im Hinterkopf schwirrt bei mir etwas von einem längeren Aufenthalt deinerseits in Südamerika herum. Ist das richtig? Dein Interesse an der Literatur Südamerikas macht sich bei Dir im Blog erfreulicherweise immer mal wieder bemerkbar.

      Ich habe mir noch die Pressekonferenz der Berlinale angesehen, bei der der Regisseur ein bisschen über Buneos Aires und seine Beziehung zur Stadt berichtet. Für Dich dann vielleicht auch ganz interessant, wenn Du den Film gesehen hast. (Wobei Dich dann
      wahrscheinlich der Dolmetscher nerven wird😉 )
      http://www.berlinale.de/de/archiv/jahresarchive/2011/02_programm_2011/02_Filmdatenblatt_2011_20112331.php

      • Bücherliebhaberin schreibt:

        Ja, ich war schon zwei Mal in Buenos Aires und es ist eine traumhafte Stadt, die man wohl nie richtig kennenlernen wird. Ich werde warten bis der Film auf DVD erscheint und dann mach ich es mir zu Hause mit einem argentinischen Wein gemütlich. Vielen Dank auch für den Link. Ich freu mich schon die Stadt aus ganz neuen Perspektiven zu sehen.

  6. tindirma schreibt:

    Schön über Medianeras zu lesen und zu hören, dass es einen regulären Kinostart geben wird. Ich habe den Film letztes Jahr auf der Berlinale gesehen und er hat mir sehr gut gefallen. Der Regisseur war auch sehr sympathisch, gut gelaunt und auskunftsfreudig. Ich kann mich erinnern, dass der Abspann bzw. das Ende des Filmes aus einem fiktiven YouTube-Video bestand und dass der Regisseur um Abstimmung gebeten hatte, ob das Video in der Form im Film belassen werden sollte oder ob das Video zu lang und überflüssig wäre. Würde mich jetzt ja interessieren, ob es in der finalen Version noch enthalten ist.

    Eine kleine Empfehlung noch: auch ein moderner Liebesfilm mit Anspruch aus Südamerika (Uruguay). Gigante von Adrian Biniez, lief ein oder zwei Jahre früher auf der Berlinale.

    • wortlandschaften schreibt:

      Danke für Deinen Kommentar! Toll, dass Du den Film im Kino auf der Berlinale sehen konntest. Das YouTube-Video hat es in den Abspann geschafft. Mir hat es gefallen, genauso wie die vielen kleinen Einfälle, auch im Abspann. Ich denke da z.B. an das Anfügen der E-Mail Adresse des Regisseurs. Der Regisseur machte auf mich in dem Video von der Pressekonferenz auch einen sympathischen Eindruck, wie eigentlich alle Beteiligten. Die Hauptdarstellerin Pilar López de Ayala kannte ich schon aus ihren spanischen Filmen.
      Danke auch für die Empfehlung, den werde ich mir mal vormerken. Spontan kann ich mich noch an einen Film aus Uruguay erinnern, Whisky, den ich vor Jahren mal auf DVD gesehen habe. Aus Argentinien gefallen mir noch die Filme von Carlos Sorin.

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