Wajdi Mouawad: Verbrennungen

In der Notarskanzlei von Hermile Lebel haben sich Jeanne und Simon eingefunden, um der Testamentsverlesung ihrer verstorbenen Mutter Nawal Marwan beizuwohnen. Nawal Marwan hatte viele Jahre in Lebels Kanzlei als Sekretärin gearbeitet. Ihr letzter Wille wird verlesen:

„Beerdigen Sie mich völlig nackt
Beerdigen Sie mich ohne Sarg
Ohne Kleidung, ohne Leichentuch
Ohne Gebet
Mit dem Gesicht zum Boden
Legen Sie mich in ein Loch
Mit der Vorderseite der Erde zugewandt
Als Lebewohl
Schütte jeder
Einen Eimer kaltes Wasser über mich
Dann sollt ihr Erde auf mich werfen
Und mein Grab schließen“

Auf einen Grabstein und eine Inschrift solle ebenfalls verzichtet werden. Teil des Testaments sind auch zwei Umschläge, einer für Jeanne und einer für Simon. Jeanne erhält den Auftrag, den Umschlag ihrem Vater zu überbringen und Simon soll seinen Umschlag dem gemeinsamen Bruder überbringen. Weder wussten die Beiden, dass der Vater noch am Leben sein soll, geschweige denn von einem weiteren Bruder. Erst wenn die Umschläge ihren Empfänger erreicht haben, werde ein Stein auf ihrem Grab aufgestellt werden können und ihr Name in der Sonne geschrieben stehen, schreibt Nawal in ihrem Testament. Wo die Suche beginnen? Die letzten fünf Jahre verbrachte die Mutter in völligem Schweigen, auch ihren Kindern gegenüber. Die Überraschung über den ungewöhnlichen Willen der Mutter ruft bei Simon Zorn und Ablehnung hervor. Zu groß ist bei ihm die Wunde, die das plötzliche und unerklärliche Verstummen der Mutter hinterlassen hat. So ist es anfangs nur Jeanne, die ihre Aufgabe zu erfüllen versucht und so hinter das Schweigen ihrer Mutter kommen möchte. Sie macht sich auf in das Land ihrer Mutter.

„Ich werde versuchen, diesen Vater zu finden, und wenn ich ihn finde, wenn er noch am Leben ist, werde ich ihm den Umschlag geben. Ich tue das nicht für sie, sondern für mich. Für dich. Für die Zukunft. Aber dazu muss ich zuerst sie finden, Mama muss ich finden, in ihrem früheren Leben, in dem Leben, das sie all die Jahre vor uns versteckt hat. Sie hat uns blind gemacht. Heute habe ich Angst, verrückt zu werden.“

Stück für Stück lernen sie (Simon reist später nach) das Leben der Mutter und ihre eigene Herkunft kennen. Es ist eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes, die im Krieg begann.

Mouawads Theaterstück ist verschachtelt und verzweigt. Zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen wird nicht nur gesprungen, sondern sie scheinen gelegentlich zu verschmelzen, indem sie parallel und im Wechsel verlaufen (und interagieren teils, z.B. indem Nawal auf eine in den Raum gestellte Frage tatsächlich antwortet). Die Geschichte der Mutter Nawal führt von ihrer Jugend über das 40. Lebensjahr bis zu ihrem Tod im Alter von 60 Jahren. Die Zeitsprünge offenbaren ganz langsam das tief vergrabene Geheimnis Nawals, immer wieder unterbrochen von den Nachforschungen der Kinder. Mathematisches kommt metaphorisch zum Einsatz, wie z.B. die zu lösende Spekulation um das Vieleck.

„Wir gehören alle zu einem Vieleck. Ich dachte, ich würde meinen Platz in dem Vieleck, zu dem ich gehöre, kennen. Ich hielt mich für den Punkt, der nur seinen Bruder Simon und seine Mutter Nawal sieht. Jetzt erfahre ich, dass ich von dem Ort aus, an dem ich bin, auch meinen Vater sehen könnte. Ich erfahre auch, dass es noch ein weiteres Element in diesem Vieleck gibt, einen weiteren Bruder. Der Sichtbarkeitsgraph, den ich immer gezeichnet habe, ist falsch. Welcher ist mein Platz in dem Vieleck?“

Denis Villeneuve: Incendies

„Verbrennungen“ ist ein unglaublich erschütterndes Stück, dessen Spannung sich stetig steigert. Die Wechsel in Zeit und Ort bieten sich gerade auch für eine Verfilmung an. Dieser hatte sich der Kanadier Denis Villeneuve 2010 mit „Incendies“ angenommen. Ich bin erst über den Film auf das Theaterstück aufmerksam geworden, das, wie man am Ende des Buches lesen kann, seit 2006 eines der meistgespielten zeitgenössischen Theaterstücke im deutschsprachigen Raum ist. Der Film hat mich sehr bewegt und lange Zeit nicht losgelassen. Ich halte ihn für einen der besten des letzten Jahres. „You and whose army?“ von Radiohead wird wohl von nun an die Bilder des Films in den Kopf zurückholen. Eine deutsche DVD erscheint am 20. Januar. Ich empfehle den Film in französischer und arabischer Sprache mit Untertiteln zu sehen.

Wajdi Mouawad
Verbrennungen
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2010
ISBN: 9783886612994
broschiert, 123 Seiten, 10€

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch

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10 Antworten zu Wajdi Mouawad: Verbrennungen

  1. caterina schreibt:

    Hab Dank fuer die grossartige Empfehlung. Weder von dem Stueck noch von dem Film habe ich bisher gehoert, aber dank deiner Rezension und des Trailers werde ich mir die Geschichte in der einen oder anderen Form auf jeden Fall ansehen.

    • wortlandschaften schreibt:

      Ich hatte kaum Informationen, als ich den Film sah und hier habe ich auch nur die nötigsten gegeben.

      Im Nachhinein kann ich nun nicht beurteilen, wie ich den Film betrachtet hätte, hätte ich zuerst das Stück gelesen. Ich denke aber, dass es keine schlechte Reihenfolge ist, denn es wurde ja geschrieben, um gesehen zu werden, auf der Bühne oder in leicht abgewandelter Form im Kino. Da wäre ich auf Deine Meinung gespannt, denn der Film wurde teils auch recht kritisch bewertet.

  2. Mariki schreibt:

    Wahnsinn, allein der Trailer haut mich um … ich bin sprachlos.

  3. Mariki schreibt:

    Inwiefern wurde der Film kritisch bewertet?

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Mariki!

      Ja, der Film hat mich umgehauen, da verspricht der Trailer nicht zu viel.
      Mit dem Film und dann auch dem Stück habe ich mich erst nachdem ich ihn gesehen hatte beschäftigt. Dazu würde ich jedem raten, denn es ist einer der Sorte, bei dem einem der Film durch zu viele Informationen kaputt gemacht werden kann (und obwohl ich die Gewohnheit habe, mir Rezensionen usw. erst nachher durchzulesen, bin ich dahingehend nun nicht überempfindlich).
      Deshalb nur so viel. Was ich gelesen habe, wurde der Film überwiegend sehr gut bewertet und ging letztes Jahr sogar bei den Oscars für Kanada in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ an den Start (auch wenn das nicht immer ein Merkmal für hohe Qualität sein muss, ist es das in dem Fall meines Erachtens schon). Kritikpunkte zielten in Richtung Konstruktion der Geschichte und ein paar Details, die ich hier nicht vorwegnehmen möchte. Die lassen sich diskutieren, schaden dem Film meiner Meinung nach nicht wirklich und lassen sich spätestens mit Kenntnis des Stückes entkräften.

      Also am besten selbst mal ansehen. Ich würde mich über eine Meinung freuen.

  4. maragiese schreibt:

    Danke für diese großartige Empfehlung! Auch ich hatte weder von dem Buch noch von dem Film bzw. dem Theaterstück bisher gehört. Aber auch mich hat schon allein der kurze Trailer beinahe umgehauen, so dass ich wohl nicht drum herum kommen werde, mir auch die DVD zu kaufen …

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo maragiese,

      hat der Trailer auch Dein Interesse geweckt. Falls Du den Film demnächst mal zu Gesicht bekommen solltest, wäre es schön, wenn Du Dich hier noch mal melden würdest. (Ich wiederhole mich ständig, aber hier interessiert mich eine weitere Meinung besonders.)

      Viele Grüße

  5. maragiese schreibt:

    Liebe wortlandschaften,

    ich melde mich hier gerne noch mal, wenn ich den Film gesehen habe. Ich wollte jetzt erst einmal die Augen aufhalten, wann er in Deutschland erscheinen und ihn dann so schnell wie möglich bestelle. Ein bisschen hat mich die Atmosphäre des Films an „Fremde Haut“ mit Jasmin Tabatabai erinnert. Ein sehr empfehlenswerter Film …🙂

    Liebe Grüße
    Mara

  6. Peter Zillig schreibt:

    Als Kultur- und Filmfreak habe ich in meinem Leben schon manches gesehen, dabei war natürlich immer wieder ein Highlight vorhanden. Der Film ‚Verbrennungen‘ gehört für mich dabei eindeutig in die Kategorie Top – die Geschichte ist schlicht unglaublich und macht mich sprachlos! Die Interpretation ist enorm eindrücklich und spannend! Die schauspielerischen Leistungen sind sehr eindrücklich gelungen und die Kameraführung durch’s Band fesselnd und auf den Punkt gefilmt! So macht Kino doch einfach immer wieder Sinn – zumal die Konsumenten und Zuschauerinnen in der Regel mit sehr viel Müll und 08/15 – Hollywood – Müll abgefertigt werden!!
    So werde ich mir ganz sicher noch das Buch von Wajdi Mouawad zu Gemüte führen und mal nachblättern, ob der Regiesseur Denis Villeneuve noch andere Produktionen anzubieten hat!

    Ein CH-Filmliebhaber aus Luzern

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Peter!

      Vielen Dank für Ihre Eindrücke! Ich bin jetzt auch neugierig auf andere Filme des Regisseurs geworden und habe ein Auge auf „Maelström“ und „Polytechnique“ geworfen. Die Veröffentlichung der dt. DVD von Incendies wurde verschoben, als Alternative käme die englische in Frage, die es schon sehr günstig (~6€) zu haben gibt. Für die Ungeduldigen.

      Das Theaterstück wird in Deutschland immer noch recht oft aufgeführt, wie ich gesehen habe. Eine solche Inszenierung reizt mich auch sehr, obwohl ich nun den Inhalt schon sehr gut kenne. Vielleicht bietet sich dazu einmal die Gelegenheit.

      Viele Grüße in die Schweiz!

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