Goldener Oktober in Flandern

Noch einmal etwas unternehmen bevor die Routine am neuen Ort Einzug hält. Etwas von dem ich noch eine Weile zehren kann, wenn die Tage kürzer und stürmischer werden, das war die Devise. Das Wetter lässt sich nicht planen, schon gar nicht, wenn man, um den bulimischen Geldbeutel (er kann die Penunzen nicht lange behalten und ist deshalb chronisch dünn) zu schonen, einen Monat vor Reiseantritt bucht. Falls es dann am besagten Termin regnet, hält man es eben mit zwei Figuren aus Woody Allens jüngstem Film „Midnight in Paris“:  „Paris ist am schönsten, wenn es regnet.“ Paris war jedoch nicht das Ziel und statt Regen verwöhnte mich das ganze Wochenende die goldene Oktobersonne. Oder um es mit den Worten Béla Balázs‘ auszudrücken, es herrschte „reiner Himmel“.

„Ein ganz reiner Himmel, den nicht das kleinste Wölkchen befleckt, ist sehr selten. Er wirkt überraschend und unnatürlich. Das ist nicht mehr bloß gutes Wetter. Es ist überhaupt kein Wetter mehr. Die Atmosphäre verschwindet, die sich schonend zwischen uns und den Weltraum geschichtet hat. Der Abgrund öffnet sich über unserem Haupt und, entblößt vor dem ganzen Sonnensystem, stehen wir da in kosmischer Nacktheit.“ (1925)

Da stehe ich also, in kosmischer Nacktheit, an einem Samstagmorgen am Bahnhof Antwerpen-Centraal und wähne mich bereits in einer Kathedrale. Das monumentale Bahnhofsgebäude verbindet alte und neue Architektur und fasziniert mit seinen lichtdurchfluteten Fenstern, Rundbögen, breiten Treppen und goldenen Verzierungen unter einer riesigen Kuppel. Alleine deshalb lohnt es sich schon, mit dem Zug anzureisen.

Bevor ich mit den weiteren Unternehmungen fortfahre, möchte ich kurz einschieben, wieso ich gerade Antwerpen als Reiseziel auswählte. Auslöser war der Roman „Die Ankunft des Joachim Stiller“ von Hubert Lampo. Der im Antwerpen der Nachkriegszeit spielende Roman, genauer in den Jahren 1958/59, zählt zu den Werken des Magischen Realismus der flämischen Literatur und erschien 2009 erstmals in deutscher Übersetzung in der Reihe „Bibliothek der Entdeckungen“ des Mitteldeutscher Verlag. Schon damals konnte ich mich der Faszination, die die Geschehnisse ausstrahlen, die in den Ausbesserungsarbeiten an den Pflastersteinen in der Kloosterstraat ihren Anfang nehmen, nicht entziehen. Als dann vor kurzem im ZDF Montagskino belgische Filme liefen, die in Antwerpen spielten, griff ich mal wieder zu Hubert Lampos Roman – und war erneut gefesselt. Bruno Schulz, Michail Bulgakow, Johan Daisne, Juan Rulfo, Leo Perutz und Hubert Lampo, um nur einige wenige zu nennen, zählen zu den Autoren des Magischen Realismus, in der die Realität nicht nur aus der wirklichen sondern auch aus einer magischen Komponente besteht, die sich dem Rationellen entzieht, der in „Die Ankunft des Joachim Stiller“ jedoch auf den Grund zu gehen versucht wird. Diese Mischung finde ich sehr spannend, hinzu kommt noch die besondere Atmosphäre, die vielen Werken zu Eigen ist. So hatte auch das beschriebene Antwerpen seinen Reiz, dem natürlich schon ein paar schöne Bilder aus den Filmen hinzugefügt werden konnten.

Zurück zum Ausgangspunkt: vom Bahnhof geht es direkt in Richtung Nordwesten zum Godefriduskaai, in das ehemalige Hafenviertel „Het Eilandje“. Ein Yachthafen, das am 17. Mai eröffnete „Museum aan de Stroom (MAS)“, das denkmalgeschützte Sint-Felixpakhuis – ein ehemaliges, neu renoviertes Speicherhaus mit Innenhofstraße, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist – der weiter nördlich liegende Hafen (der zweitgrößte Europas) und die nicht weit entfernte Schelde sind meine Anlaufstellen.

Am Ufer der Schelde spaziere ich in Richtung Innenstadt, vorbei an den alten Hangars und der Burg Steen zum Steenplein, von wo aus  man einen wunderbaren Blick auf die Liebfrauenkathedrale hat. Ein beeindruckendes Bauwerk, dessen prächtiges Innenleben auch noch eine Ausstellung von Gemälden (Reunion: Von Quinten Metsijs bis Peter Paul Rubens) beherbergt, die ursprünglich für die Kathedrale gemalt wurden und nun aus dem Königlichen Museum wieder in die Kathedrale zurückkehrten. Über den Grote Markt gehe ich zum Groenplaats und mache Mittagspause. Was esse ich in Belgien? Natürlich eine große Portion der weltbesten Fritten, hier bei Fritkot Max, der um die 20 Saucen zur Auswahl hat. Nachhaltig gestärkt und den Geldbeutel geschont geht es an der Antwerpener Metro vorbei in Richtung Meir (In der Metro wird man übrigens immer sanft mit Musik beschallt, mit ebenso sanften Liedern). Die Einkaufsstraße Meir führt mit der Leysstraat und De Keyserley wieder zum Bahnhof und soll eine der belebtesten Einkaufsmeilen Belgiens sein, also so etwas wie die Schildergasse in Köln, im Gegensatz dazu allerdings mit architektonischen Prachtbauten. Hier ist dann auch das volle Leben, wie ein Samstagnachmittag in einer Großstadt eben so aussieht. Aber die Menschenmassen verteilen sich gut und in den Seitenstraßen gibt es viel zu sehen, z.B. das Rubenshaus oder ein Markt am Theaterplein, ein botanischer Garten, in dem Pflanzen wachsen, die denen in „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in nichts nachstehen. Als Feinschmecker besuche ich natürlich auch eine der berühmten Chocolatiers, „Burie“ in der Korte Gasthuisstraat. Schon beim Blick ins Schaufenster gehen mir die Augen über und das Wasser läuft im Munde zusammen. Beim Essen gespart, greife ich für die Schokolade etwas tiefer in die Tasche und kaufe, passend zur Jahreszeit, eine Kastanie aus verschiedenen Schokoladensorten umhüllt mit Marzipan. Mittlerweile geht es dem Abend zu, Zeit für eine Pause und ein belgisches Bier. Ich entscheide mich für ein dunkles Bier, namens Corsendonk, das wirklich hervorragend schmeckt. Auch wenn man in Antwerpen immer mal wieder auf Juweliergeschäfte trifft, ist ein Spaziergang durch das Diamantenviertel Antwerpens schon alleine aufgrund der schier unglaublichen Anzahl von Diamantenhändlern, die sich aneinanderreihen, wie anderswo die Büdchen und Kioske, beeindruckend. Mit den Steinen an sich konnte ich noch nie etwas anfangen, aber es heißt ja auch „Diamonds are a girl‘s best friend“.

Jetzt ist es Zeit ins Hotel zu gehen und mich noch einmal für den Abend frisch zu machen. In der Arenbergschouwburg geht es auf ein Konzert der spanischen Band „Russian Red“, auf das ich mich sehr freue und das das Datum (15./16. Oktober) für meinen Kurztrip festlegte. „Russian Red“, das sind auf der Tour in Antwerpen die Sängerin und Liedermacherin Lourdes Hernández (auch diverse Gitarren) aus Madrid, Charlie Bautista (Keyboard, Percussion, Gitarre und Background Vocals) und Emilio Díez (Gitarre, Background Vocals). Nach ihrem grandiosen ersten Album „I love your glasses“ aus dem Jahr 2008 präsentieren „Russian Red“ ihr neues Album „Fuerteventura“, das im Mai dieses Jahres erschien. Es deckt alle Emotionen ab, von purer Freude über Melancholie, von langsam verträumt bis leicht, schnell und verspielt. Hernández‘ unverwechselbare Stimme und Stil machen auch dieses Album zum Erlebnis. Die Songs bewegen sich zwischen Folk, Indie und Rock. Lourdes Hernández ist live eine Wucht, ihre stimmlichen Fähigkeiten beeindruckend und überhaupt macht die Band einen sehr sympathischen Eindruck. Im wirklich kleinen Saal herrscht eine äußerst angenehme, fast intime Atmosphäre. Viele von Hernández Kompositionen sind sehr originell. Neben dem kompletten neuen Album (u.a. „Nick Drake„, „A Hat„) spielen „Russian Red“ auch Lieder ihres Debütalbums (z.B. das wunderbare „Cigarettes“), den Song „Loving Strangers“ (Titelsong des jüngsten Films von Julio Médem, „Habitación en Roma“) und auf Spanisch „Todas Mis Palabras“, eine spanischsprachige Cover-Version des Songs „All my little words“ von „The Magnetic Fields“. Vor dem Auftritt der Band war das Lied schon einmal auf CD zu hören, gespielt von einer Band aus Buenos Aires, „Alvy, Nacho y Rubin interpretan a Los Campos Magnéticos“. Lourdes Hernández erzählt, wie sie mit den Dreien zusammen spielte und die Coverversion nun ihrerseits sehr gerne ins Programm nahm. (Das Lied gefällt mir so gut, dass ich mir daheim gleich die CD auf deren Webseite kaufe.) Nach dem Konzert (Bilder gibt es hier) lasse ich den Abend an der Bar mit ein paar Bier ausklingen, die Bandmitglieder mischen sich auch unter das Volk bevor sie weiterziehen.

Ich nehme mir vor, am nächsten Morgen ganz früh aufzustehen, um eventuell ein paar schöne Fotos des Sonnenaufgangs über der Stadt zu knipsen. Stattdessen frühstücke ich gemütlich um 9 Uhr und verlasse danach das Hotel. Die angedachte Hafenrundfahrt verpasse ich deshalb knapp, die nächste geht erst am Nachmittag, wo ich schon wieder im Zug sitzen werde. Da ich aber schon mal an den Kais bin, beschließe ich spontan, die Wanderrouten auszutesten.

Es lohnt sich! Kaum eine Menschenseele ist am Sonntagmorgen bei strahlendem Sonnenschein auf den schönen Wegen zwischen Rijnkaai, Royerssluis, Amerikadok-Zuidkaai und Scheldelaan unterwegs. Wenn nicht am frühen Nachmittag mein Zug fahren würde, könnte ich ewig weitergehen, bis zum Meer. Heute ist einer der Tage, an denen ich Bäume ausreisen könnte. Irgendwann mache ich kehrt, weil ich den Zug nicht verpassen darf. Schnelleren Schrittes geht es am Ufer entlang zurück bis zum Steenplein, wo ich nochmals an einer Pommesbude Mittag mache, diesmal mit Saus Andalous – ein bisschen Schärfe muss sein. Gegen 13 Uhr nehme ich am Groenplaats die Metro zum Bahnhof. Eine knappe halbe Stunde später sitze ich zufrieden im Zug nach Hause, um eine Menge schöner Erinnerungen reicher.

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6 Antworten zu Goldener Oktober in Flandern

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Sehr schöne Reiseimpressionen und so interessante Lese- u. a. Tipps nebenbei! Vielen Dank dafür, liebe Wortlandschaften!

    • wortlandschaften schreibt:

      Gerne und danke auch! Das Wochenende hat sich auf ganzer Linie gelohnt. Ich war echt froh, dass ich diese kleine Reise (zum kleinen Preis) gebucht hatte. In die Gegend werde ich sicher mal zurückkehren, wo doch noch so viele weitere schöne Städte im näheren Umkreis liegen. Da hätte sich auch eine kleine Rundreise angeboten, aber das wäre mit meinem Budget nicht so leicht vereinbar gewesen.

      Viele Grüße!

  2. caterina schreibt:

    Tja, lieber wortlandschaften, nun schreibst du doch wieder ganz eifrig. Das freut mich natürlich. Und über die neue Ausrichtung freue ich mich auch. Reiseerzählungen und Fotos, Musikempfehlungen und weiterhin Bücher, Bücher, Bücher. Wunderbar. Genau wie die im letzten Beitrag angepriesene Sängerin.

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Caterina,

      und ich freue mich immer über Deinen Besuch. Es mag jetzt den Anschein erwecken, dass ich wieder etwas regelmäßiger schreibe, aber ob das so bleibt, weiß ich selbst noch nicht. Näheres zu einem Buch habe ich zuletzt Ende Juni geschrieben, also schon eine ganze Weile her. Ich werde einfach so machen, wie es mir in den Kram passt, ohne Stress oder Druck. Das soll nicht heißen, dass ich mir keine Mühe mehr geben werde, aber wenn ich wenig Zeit oder Lust habe, dann bleibt es eben still. Eigentlich genau so, wie Du das handhabst. Deine und zuletzt Frau Feuerfalters Antwort (bei „Geschlossen“) haben mich darin bestärkt.

      Über Musik und Reisen zu schreiben war ein recht spontaner Entschluss. Die Örtlichkeiten und Straßennamen zu notieren, die ich mir natürlich nicht alle gemerkt hatte, und die Wege praktisch im Geiste nochmal abzugehen (mit Unterstützung von google maps) machte viel Spaß. Das Konzert von Ane Brun (welches ja nach dem kleinen Ausflug stattgefunden hat) war traumhaft, sie ist eine Klasse für sich. Kennst Du ihre Musik schon länger?

      Gerne hätte ich mir noch ZAZ in Ludwigshafen angehört, aber auf Dauer kann ich mir das nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich eigentlich nicht leisten. Während ich überlegt habe, war es dann auch schon ausverkauft. Ich gehe nicht so besonders oft zu Konzerten, wenn dann zu kleinen Veranstaltungen. Konzertberichte werden also eher die Ausnahme bleiben. Keine Pläne, keine Enttäuschungen – zumindest hier auf dem Blog.

      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und bis bald!

  3. caterina schreibt:

    Nein, Ane Brun kannte ich genau genommen noch gar nicht, sondern habe erst durch deinen Konzertbericht mal reingehört und war ganz angetan. Über musikalische Anregungen freue ich mich immer (in dieser Hinsicht – aber auch wegen der stimmungsvollen Bilder – kann ich übrigens das folgende Blog empfehlen, falls du es nicht schon kennst: http://www.charmingquark.de).
    „Keine Pläne, keine Enttäuschungen“: seh ich genauso. Also genieß das, was du tust – siehst – entdeckst – hörst – liest, egal ob du drüber schreibst oder drüber schweigst.
    Viele Grüße aus Frankfurt.

    • wortlandschaften schreibt:

      Wenn ich noch wüsste, wie ich damals auf sie aufmerksam wurde…?
      Danke für die Blogempfehlung, kannte ich noch nicht. Liisas Litblog allerdings schon. Danke auch für die netten Worte, genau so werde ich es machen bzw. versuchen!

      Dir noch einen schönen Sonntag und viele Grüße aus einem Dorf gar nicht so weit von Frankfurt.😉

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