„East, West, suitcase’s best“

 „Das Einzige, was einem Exilanten bleibt, um die Traumata des Exils zu überwinden, ist, sie gar nicht zu überwinden, sie als Dauerzustand zu leben, den Warteraum zur fröhlichen Ideologie des Lebens zu machen, die Schizophrenie als Normalität zu betrachten und nur einen Gott anzubeten – den Koffer!“

„East, West, suitcase’s best“  lautet Dubravka Ugrešić ‘ Antwort auf das Sprichwort „East, West, home’s best“. Ugresic unternimmt in ihren Essays Reisen durch Europa und die USA. Den Fokus ihres scharfsinnigen und kritischen Blicks richtet sie auf kleine, manchmal banale Dinge, die sie in einen größeren Zusammenhang stellt. Die Inhalte des 300 Seiten starken Essaybandes so zu verknappen, um sie nur annähernd unterzubringen, ist ein unmögliches Vorhaben. Und doch lassen sich in den von Dingen, Gefühlen, Orten, Geschichte, Kultur, Politik und nicht zuletzt Menschen handelnden Texten Gemeinsamkeiten feststellen. Heimat, Exil, Identität, Nationalität, Stereotype und Postkommunismus sind einige der wiederkehrenden Begriffe, an denen sich Ugrešić reibt. Das zerfallene Ex-Jugoslawien und dessen Einwohner, von denen sie als ihre „einstigen Landsleute“ spricht, bekommen ihre Schärfe mehrmals zu spüren, jedoch meist nicht ohne eine humorige Note.

In dem Text „Ah, was für eine Rhetorik!“ schlägt die Autorin einen Bogen von der Werberhetorik zweier New Yorker Bekleidungsläden auf dem West Broadway zu der zweifelhaften Aufrichtigkeit in der Moral lokaler kroatischer Politiker. Dabei beschließt Ugrešić ihre kurzen Feuilletons nicht selten mit einer geistreichen Pointe. In diesem Fall ist es eine „dem lokalen folkloristischen Humorschatz entstammende Anekdote“:

„Ein Huhn begegnet einem Wurm.
„Hallo, Adler“, grüßt der Wurm.
„Hallo, mein Schlangenkönig“, erwidert das Huhn.“

Der Band ist in vier Teile untergliedert. Der erste Teil, etwa ein Drittel des Buches umfassend, versammelt kurze Feuilletons von jeweils etwa drei Seiten Länge, die mehrheitlich in den Jahren 1998 bis 2000 in der Schweizer Zeitung „Die Weltwoche“ veröffentlicht wurden. Sie sind wegen ihrer Kürze leicht konsumierbar, aber alles andere als flach. In den folgenden Teilen werden bereits angesprochene Themenfelder vertieft und präzisiert. Insbesondere den dritten Teil, der sich der Frage „Was ist europäisch an der europäischen Literatur?“ widmet, sowie den vierten Teil, der sich Themen wie Nationalismus, Kommunismus, Postkommunistische Transformation und Kapitalismus verschreibt, habe ich als sehr stimulierend empfunden (Sie gaben den Anstoß zu dem rückblickenden Artikel „Gedanken zu Sprache & Identität).

Ugrešić schreibt über Stereotype als Stigma, denen sich insbesondere Zigeuner aber auch sie als Balkanesin ausgesetzt sehen. „Wertvolles häusliches Geschirr“, das sie aus Rücksicht sich nicht zu zerschlagen bemüht, ist ein treffliches Bild für fremde Stereotype, die sie als „ideologisch wie kommerzielle Etikette des Vereinten Europas“ bezeichnet. In der Bedeutung der Niederschrift liegt freilich die Ironie an der Sache. Gegen das Wort „Identität“ hegt sie eine Aversion, reagiert allergisch darauf. Ugrešić hat sich von einer Identität losgesagt, doch Selbige verfolgt sie überall hin. In der Bürokratie, beim Ausfüllen von Formularen und in ihrem Beruf, nicht als Schriftstellerin, sondern als kroatische Schriftstellerin. Neben dem angeklebten Etikett „Made in the Balkans“ veränderten sich für Ugrešić durch den Zerfall Jugoslawiens vor allem die Sicht auf ihre und der Umgang mit ihrer Literatur. Mit dem unfreiwilligen Tausch ihres roten jugoslawischen Passes gegen einen blauen kroatischen Pass sollte die eine Identität und Vergangenheit abgestreift und die neue übergezogen werden. Ein weiterer Grund, warum ihr die Bezeichnung „Identität“ missfällt. Lieber brächte sie stattdessen das Wort „Integrität“ in Umlauf. „Denn integer können auch Menschen ohne Identität sein. Identität kann man wechseln wie einen Pass. Integrität nicht.“

Beschäftigt man sich etwas näher mit der Biografie der Autorin und den persönlichen Erlebnissen, die in den Texten verarbeitet wurden, setzt sich ein Bild zusammen, das ihre Ansichten nachvollziehbar macht, sogar als logische Konsequenz erscheinen lässt, und eigene, vielleicht eingefahrene Denkweisen zum Entgleisen bringen kann. Vielleicht setzt man sich ihretwegen aber auch das erste Mal intensiver mit den angesprochen Themen auseinander. Dubravka Ugrešić besitzt auch einen holländischen Pass, werde dadurch aber kaum zur holländischen Schriftstellerin. Warum ist ihr die Etikettierung als „kroatische Schriftstellerin“ so ein Dorn im Auge? Sie schäme sich ihrer nicht. Für einen Teil der Antwort möchte ich deshalb einen kleinen Absatz zitieren, der ihren Standpunkt verständlicher macht.

„Warum? Weil sich in der Praxis zeigt, dass das Identifikationsgepäck den literarischen Text belastet. Weil sich weiterhin zeigt, dass das Identifikationsetikett das Wesen des literarischen Textes und seine Bedeutung verändert. Weil das Identifikationsetikett eine verkürzte und stets falsche Interpretation des Textes ist. Weil das Identifikationsetikett den Raum öffnet, etwas in den Text hineinzulesen, was er nicht enthält. Und schließlich, weil es diskriminierend ist, diskriminierend für den Text selbst. Identifikationen zuzulassen bedeutet, den Gedanken zu unterstützen, Literatur sei nur ein geopolitisches Feld, das vielleicht relativ realitätsnah ist. Es ist aber nicht mein Ding, jedwede „Realität“ nur deshalb zu unterstützen, weil es sich um „Realität“ handelt.“

Im weiteren Verlauf führt die Autorin die Marktmechanismen des Literaturmarkts und Kulturmarkts der EU vor Augen. Ein Markt, auf dem z.B. David Beckham den British Book Award erhielt, weil „sein“ Buch viel Geld abwarf. Insgesamt ein wenig ermutigender aber nicht hoffnungsloser Blick. Es wird aber nicht nur der Literaturmarkt beleuchtet, sondern auch die Migrationsbewegungen, die mit der Aufnahme neuer Staaten in die EU stattfinden (mittlerweile stattfanden). Die verkaufte kroatische Küste, bulgarische Städte, die von Holländern, Belgiern und Deutschen bevölkert sind (jene, die in Dubrovnik, Prag oder Budapest zu spät beim Wohnungskauf zu Schnäppchenpreisen waren), zeugten davon, dass sich der Westen im Osten niederlasse, weil sie wüssten, dass „das Leben in den frisch angegliederten Ländern Europas (…) billiger und fröhlicher ist als das in den teuren westeuropäischen Ghettos.“

Die erwähnten Ereignisse (Millenniumwechsel, 9/11, der EU-Beitritt diverser Länder des ehemaligen Ostblocks) bedeckt teilweise schon eine dünne Staubschicht der Geschichte, ganz sicher aber nicht den Inhalt dieser großartigen Essays, die mich sehr zum Nachdenken brachten und noch bringen. Geschickt verwebt Ugrešić alltägliche Beobachtungen zu eloquenten, humorvollen und vor allem sehr gescheiten Texten, denen ich eine große Leserschaft wünsche.

Dubravka Ugrešić
Keiner zu Hause
Berlin Verlag, Berlin 2007
ISBN-13 9783827007070
Gebunden, 301 Seiten, 19,90 EUR

Dieser Roman ist ein Beitrag der „Werde Entdecker!“–Challenge von Bibliophilin & Ailis.

Anmerkung: Es ist zu wünschen, dass man unvorbelastet an Texte herangeht. Ich bin mir noch nicht im Klaren, ob ich zukünftig auf diese sogenannte Etikettierung verzichten oder ob ich sie beibehalten werde. Die aufgeführte Belastung hatte ich jedenfalls nie im Sinn. Speziell bei diesem Titel verzichte ich auf die Kategorie „kroatische Literatur“, warum sollte klar sein.

Weiterführende Links
Informationen zum Buch
Homepage der Autorin

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6 Antworten zu „East, West, suitcase’s best“

  1. Bibliophilin schreibt:

    Chapeau! für diese wunderbare Rezension!

  2. caterina schreibt:

    Das sind sehr spannende Gedanken, die die Autoren in diesem Essayband darlegt… das Exil als Dauerstand, das „Identifikationsetikett“. Dinge, mit denen auch ich mich immer wieder beschäftige (wenn auch sicher nicht mit solch einer klugen Sicht auf die politische, gesellschaftliche oder literarische Bedeutung von Identität, sondern auf ganz existentieller, alltäglicher, ‚privater‘ Ebene): Auch ich lebe gewissermaßen aus dem Koffer, fühle mich nie richtig zu Hause – mit dem Unterschied natürlich, dass ich mich nicht im Exil befinde, sondern dem modernen Kult der beruflichen Mobilität und Flexibilität fröne… und wie gesagt nicht zu solch weitreichenden Gedanken fähig bin wie die Autorin.
    Ich finde deine Buchauswahl und -besprechungen sehr anregend, da du immer wieder zu den Themen Identität, Nationalität, Migration, Integration etc. zurückkehrst – Themen, die in Hinblick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft sehr aktuell sind, aber mittlerweile auch die meisten von uns im Einzelnen in irgendeiner Weise betreffen.

    • wortlandschaften schreibt:

      Die Gedanken sind allerdings nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was diese Essays alles abdecken. Ich finde die Themen sehr spannend, vielleicht auch oder gerade weil es so viele Betrachtungsweisen gibt. Es ist aber auch ein kompliziertes und schwieriges Feld. Da helfen solche Texte, weil sie auch mal die gängigen Konventionen sprengen, z.B. in der Bedeutung des Wortes Identität. Die Art in der Ugrešić schreibt gefällt mir sehr, weil praktisch jeder der Essays, auch die kurzen, sehr zum Nach- und Mitdenken einlädt. Man muss deshalb nicht jede Ansicht teilen, aber sich mit verschiedenen Standpunkten auseinanderzusetzen kann nie schaden.

      In dem Text „Europa, Europa“ empfiehlt Ugrešić den Film „Lamerica“ von Gianni Amelio zur Konfrontation des europäischen „Westens“ und „Ostens“( hier Italien und Albanien). „Er entwickelt die Idee, dass die persönliche Identität und damit das persönliche Selbstvertrauen auf fragilen Dingen beruhen. Denn es genügt, dass wir uns auf einem anderen Territorium befinden (in diesem Beispiel ist es ein Italiener im „Übergangs“albanien), es genügt, dass man uns die „Ray Ban“-Brille stiehlt, die Autoreifen zersticht, das Auto ausraubt, die Brieftasche mit den Kreditkarten stiehlt, uns für ein paar Tage ins Gefängnis steckt, uns den Pass abnimmt – und unsere heilige persönliche Identität verschwindet, als wäre sie nie dagewesen. Wir werden einfach – zu Menschen.“

      Ein weiterer Grund, warum mich diese Essays so gefesselt haben, ist, dass auch ich nicht diesen Blick auf das große Ganze habe, wie die Autorin und ich deswegen das Gefühl hatte, viel aus dem Buch mitnehmen zu können. Ich denke auch, dass das sehr aktuelle Themen sind, die heute schon viele und in Zukunft noch mehr Menschen betreffen werden. Schön, dass Dich das auch beschäftigt und Du Dich dazu zu Wort meldest, das macht immer Spaß. „Moderner Kult“ ist in meinen Augen eine treffende Beschreibung, ohne dabei eine Wertung vorzunehmen. Es hat alles seine schönen und auch seine Schattenseiten. Es ist toll, wenn man sich an mehreren Orten zu Hause fühlt und ich bin überzeugt, dass die Umgebung nicht unerheblich ist, wenn es z.B. um die Lebensqualität geht, aber generell fühlt man sich doch dort zu Hause, wo man Freunde hat und gemocht wird (auch wenn das etwas abgedroschen klingt). „Heimat“, was ja nicht zu Hause sein muss, kann man ebenso in die Reihe der genannten Begriffe stellen und ist mindestens genauso vielschichtig.

  3. caterina schreibt:

    Danke fuer das Zitat bezueglich Gianni Amelio, der Name wird sogleich notiert (ist er ein Schriftsteller?).

    Nein, die Umgebung ist ganz und gar nicht unergeblich, wenn es darum geht, sich „zu Hause“ zu fuehlen – da gebe ich dir vollkommen recht. So abgedroschen die Formel „gemocht werden“ auch klingen mag, es ist ein Beduerfnis, das von grosser Bedeutung fuer jeden einzelnen ist; ich spreche da aus ganz persoenlicher Erfahrung. Seit zweieinhalb Jahren lebe ich in Italien und habe mittlerweile zum dritten Mal die Stadt gewechselt; da ist es schwierig, so etwas wie dauerhafte Freundschaften entstehen zu lassen – sprich sich zu Hause zu fuehlen.
    Wie du schon angedeutet hast: Wie definiert sich „zu Hause“, wie „Heimat“ (auch hierauf wuesste ich keine sofortige Antwort fuer mich selbst, obwohl ich nicht einmal einen so genannten „Migrationshintergrund“ habe). Fragestellungen, ueber die es immer wieder nachzudenken lohnt – ob in Bezug auf sich selbst oder aber, dank klugen Essays wie denen von Ugrešić, in Bezug auf die Gesellschaft im Allgemeinen…

    • wortlandschaften schreibt:

      Gianni Amelio ist der Regisseur des genannten Films. Mir war er bis jetzt kein Begriff, die vielen Auszeichnungen für seine Filme sprechen für einen sehr interessanten Filmemacher. „Lamerica“ werde ich mir mal vormerken.

      Wenn man so oft umzieht, dann ist es schwer, Kontakte zu knüpfen und aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite lernst Du natürlich das Land besser kennen. Ich habe auch schon ähnliche Erfahrungen machen müssen. Gestern habe ich auch nur ganz flüchtig über die Frage nachgedacht und dann gemerkt, dass man da wieder vom Hundertsten ins Tausendste kommen kann. Da werde ich bestimmt früher oder später wieder drüber stolpern, in der Literatur sowieso. „Taubenflug“ von Zdenka Becker, das Buch, das ich zuletzt gelesen habe, spielt zuerst in Bratislava, damals noch zur Tschechoslowakei gehörend, dann in Österreich und den USA. Erst flüchtet die Protagonistin und kehrt Jahrzehnte später nach der Samtenen Revolution wieder in die Heimat zurück (wobei es glaube ich immer als „Dorf ihrer Kindheit“ bezeichnet wird), wo allerdings nichts mehr so ist, wie es war. Das alte Dorf musste Plattenbauten weichen, nur noch die Kirche steht.

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