Gedanken zu Sprache, Literatur & Identität

Gedanken sind zuweilen wie Wolken, lösen sich sehr schnell wieder auf, türmen sich auf, so dass sie im wahrsten Sinne des Wortes alles andere vernebeln, bestenfalls aber nicht die Sonne des Verstandes verdunkeln, sondern ihre elektrische Ladung in Form von Geistesblitzen ausgleichen. Leider macht sie ihr flüchtiger Zustand nicht wirklich greifbar, doch zum Glück kommen sie immer wieder aufs Neue. „Und wie sanft sie hinsterben! So schmerzlos ist wenig hier. Die Wolken, sie haben keine Angst, als wüßten sie, daß sie immer wieder zur Welt kommen.“, dichtet Hans Magnus Enzensberger in seiner lyrischen „Geschichte der Wolken“. Und weiter: „(…) diese fliegenden Bilderrätsel – obwohl die Lösung immerfort wechselt, kann sie ein jeder entziffern.“ So einfach ist es mit den Gedanken nicht, der Schlüssel zu ihrer Bedeutung liegt in der Erfassung. „Wo sie endeten, wo sie anfingen, nicht einmal das wisse man genau. Dieses ewige Schwimmen, Verschwimmen – Thermik, Taupunkt und Turbulenz – grenzenlos leichtfertig sei das und leicht verderblich.“ Viele Tropfen gehen unter beim großen Regen der Gedanken. Dies ist ein Versuch, ein paar von ihnen aufzufangen, denn einmal festgehalten gilt für ihr Bestehen dasselbe wie für die Wolken: „Schleierhaft, diese Regengallen, Fallstreifen, Lichtsäulen, Halos. Weiß der Himmel, wie sie es machen. Eine Spezies, vergänglich, doch älter als unsereiner. Nur daß sie uns überleben wird um ein paar Millionen Jahre hin oder her, steht fest.“

Als ich dieses Blog startete, war mir noch nicht klar, welche Kategorien ich anlegen würde, welchen Kriterien diese unterworfen wären. Das werde sich alles im Laufe der Zeit ergeben, sagte ich mir. „Das Gedächtnis der Libellen“ von Marica Bodrožić war der Startschuss. Der Roman wurde auf Deutsch geschrieben und so ließ er sich ohne Probleme unter „deutschsprachige Literatur“ einordnen. Diese Ordnung ist strikt pragmatisch und blendet die Herkunft der Autorin, sie stammt ursprünglich aus Svib, dem heutigen Kroatien, aus. Gleiches gölte für Schriftsteller aus Teilen der Schweiz, Österreich und weiteren Ländern, die die deutsche Sprache verbindet.  Mit der Gemeinsamkeit der Sprache würfe ich Mexiko und Spanien, Frankreich und Kanada, Brasilien und Portugal, jeweils in einen Topf, um nur einige weitere naheliegende Beispiele zu nennen. Warum ich das vermeiden wollte, war mir nicht klar, zumal diese Länder ihre Sprache nicht von ungefähr teilen, sondern durch ihre gemeinsame Geschichte, die Kolonisation. Teilen und verbinden können im richtigen Kontext synonym verwendet werden. Der Inkonsequenz und Inkonsistenz zum Trotz, begann ich also, die weiteren Romane nicht mehr nach ihrer Sprache, sondern unter der Herkunft und/oder Nationalität der Autoren, zu versammeln. Ein Vorgehen, das mir bald Kopfzerbrechen bereiten sollte.

Die Unterschiede in der Kultur schlügen sich bestimmt auch in der gemeinsamen Sprache nieder, war ein nicht weiter verfolgter Gedanke. Wenn ja, inwieweit? Weit über hundert Sprachen wurden von den Ureinwohnern auf dem Gebiet des heutigen Mexiko vor der Eroberung durch die Spanier gesprochen, 62 dieser sogenannten indigenen Sprachen werden heute, seit 2003, in Mexiko als Nationalsprachen anerkannt, wie ich bei Wikipedia las. Welchen Einfluss und welche Wirkung üben sie beim Spracherwerb aus? Diese Vielfalt spräche wiederum für eine Zuordnung des Schriftguts nach Sprache. Mit jedem weiteren Buch, das ich auf meinem Blog besprach und dem ich mit meiner Kategorisierung auf diese Weise einen nationalen Stempel aufdrückte, wuchsen Zweifel. Nationale Konstruktionen und Zuschreibungen sind mir oft suspekt und hinterlassen nicht selten einen schalen Beigeschmack. Zu den Gedanken gesellten sich mehr und mehr Fragezeichen. Besonders am Beispiel der „kroatischen Literatur“, einem sehr jungen Land, das seine Unabhängigkeit 1991 erklärte, stand ich viele Male vor der Frage, was diese Literatur kennzeichnet. Ist diese Frage überhaupt berechtigt und lässt sie sich befriedigend beantworten?

In der Vergangenheit bin ich schon öfter über Fragen der Zugehörigkeit oder eben Nicht-Zugehörigkeit zu einem Staat im Kontext der Literatur oder anderer Themen gestoßen. Die Diskussion um das Erbe Kafkas, auf die im Blog Syn-ästhetisch hingewiesen wurde, fördert im Artikel der Süddeutschen hochinteressante Ansichten eines Essays von Judith Butler zutage. In der Frage „Wem gehört Kafka?“ äußere Butler mit ihrem Essay den Verdacht, „Kafka, der Autor der Nicht-Zugehörigkeit, solle nun von der Nachwelt endlich zu einem Autor werden, mit dem man Staat machen kann.“, schreibt der Verfasser des Artikels, Lothar Müller. Die Fragestellung und die Auseinandersetzung damit hat in mir Funken schlagen lassen, die ebenso schnell wieder verglühten, weil ich nicht am Ball blieb. Im Blog Lesehunger beschäftigte mich das Thema dann erneut, als ich recht vorschnell einen in italienischer Sprache verfassten Roman einer albanischen Schriftstellerin der italienischen Literatur zuordnen wollte. Allerdings nur aus diesen ordnungstechnischen Gründen. Während des kleinen Austauschs mit Anna stellten sich mir viele Fragen und mir wurde bewusst, wie schwer so ein Versuch einer Ordnung sein kann.

Lege ich mit der Nationalität der Literatur nicht ein zu enges Korsett an? Sollte ich den Schriftsteller nicht einfach Schriftsteller sein lassen?

Mir ist klar, dass ich mit diesen vielleicht etwas wirren Aufzeichnungen kaum an der Oberfläche vieler verschiedener Diskurse, die ich nicht wirklich kenne, gekratzt habe und, um im begonnen Bild zu bleiben, aus den aufgefangenen Tropfen wahrscheinlich eine trübe Suppe entstanden ist. In erster Linie wollte ich allerdings damit auf meinen Juni-Fund für „Werde Entdecker“ überleiten, den Essayband „Keiner zu Hause“ von Dubravka Ugrešić, den ich demnächst etwas näher hier vorstellen möchte. Einige von Ugrešić Essays haben einen wahren Sturm in meinem Kopf ausgelöst, weil sie einen kritischen wie klugen Blick auf so manche oben gestellte Frage werfen – und mir dabei natürlich Antworten und viel Anlass zum Nachdenken geliefert haben.

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8 Antworten zu Gedanken zu Sprache, Literatur & Identität

  1. Anna schreibt:

    Mich befassen diese Gedanken auch immer noch. Mein Drang zum Katalogisieren ist so stark, dass ich es nicht lassen kann. Bin auf deine Gedanken zu Ugresic gespannt – ich wollte doch schon immer etwas von ihr lesen. Liebe Grüße!

    • wortlandschaften schreibt:

      Ich finde das schön, in Dir da eine Mitstreiterin zu haben und freue mich über Deine Meinung. Mit dem Katalogisieren geht es mir ähnlich. Außerdem finde ich das nicht falsch, denn eine solche Ordnung hat seine Berechtigung und seine Vorteile. Es gibt aber auch genügend Bereiche, wo es unscharf wird, wo die Kriterien an ihre Grenzen stoßen. Da verschiedene Sichtweisen zu erfahren und zu erlesen, ist sehr spannend und anregend, weil es so viele andere Felder berührt und involviert.

      Die Essays von Ugrešić habe ich regelrecht verschlungen. Ich habe sie schon letzte Woche beendet, mich aber noch nicht daran gemacht, darüber zu schreiben. Wird wahrscheinlich nicht so einfach, aber ich werde mich bemühen. Dubravka Ugrešić habe ich erst mit diesem Buch kennen gelernt und bin froh darüber. Ich werde ganz sicher mehr von ihren Büchern lesen.

      Liebe Grüße zurück!

  2. Anna schreibt:

    Ich kenne Dubravka Ugrešić hauptsächlich aus polnischer Presse, wo ihre Essays oft abgedruckt wurden, sie wurde auch viel ins Polnische übersetzt. Schon aus dem Grund hatte ich sie auf der Leseliste stehen. Ich hoffe, dass ich bald mal dazu komme, sie zu lesen. Angesicht des immer wachsenden SuBs versuche ich mir keine neuen Bücher anzuschaffen aber man kann ja auch einen Spaziergang in die Bibliothek unternehmen:) Liebe Grüße!

    • wortlandschaften schreibt:

      In deutscher Sprache sind einige der Texte in der Schweizer Zeitung „Die Weltwoche“ veröffentlich worden. Das ist aber schon über 10 Jahre her, damals kannte ich die noch nicht. In der „Zeit“ wurde auch ein Text veröffentlicht, der sich in ähnlicher Form im Buch befinden. Gut, dass ich sie entdeckt habe.
      Momentan habe ich an Neubüchern auch keinen Bedarf. Aber es läuft einem ja nichts davon und die Bibliothek ist da eine gute Lösung.

  3. Ailis schreibt:

    Ein wirklich interessantes Thema!🙂
    Ich persönlich neige nicht zu solchen Kategorisierungen, darin ist aber keine Wertung enthalten. Es fiele mir auch wirklich schwer, du selber merkst ja schon, dass es so einfach meistens leider nicht ist. Und ich denke auch, dass das in Zukunft immer schwieriger wird. Die Welt erscheint mir offener, ein Italiener kann z.B. in Spanien aufwachsen, in Deutschland studieren, danach in den USA leben – wenn er dann anfängt zu schreiben, was ist das dann? Ich denke, da kann man an dem Versuch, das eindeutig zuordnen zu wollen, einfach nur scheitern. Und doch gibt es sicherlich Elemente in der Literatur, die einem landestypisch vorkommen und es ist verlockend, den Finger auf diese Wunde zu legen.
    Wie so immer im Leben, wird es auch hier keine einfachen Lösungen geben – aber wer will die auch schon?😉

    • wortlandschaften schreibt:

      Ja, es wird immer komplizierter und die Kategorisierung war da ja nur der Ausgangspunkt für viele spannende Fragen.

      Eine eindeutige Zuordnung ist nicht das Ziel (wie auch, wenn es sie schlichtweg nicht gibt), allerdings interessiert mich der Umgang mit diesen schwer zu verortenden Autoren (wobei das damit nicht aufs Literarische beschränkt sein soll, Schriftsteller sind nur ein mögliches Beispiel von vielen), mit ihrer Identität, wie sie darüber denken und ob es für sie eine Rolle spielt (Ugrešić äußert sich z.B. auch kritisch diesem Wort gegenüber). Welche Rolle spielt in Bibliotheken und Archiven die Herkunft bei der Katalogisierung? Der Literaturmarkt bzw. die Marktzwänge sind für Autoren von Bedeutung. Ugrešić liefert in einem Essay ein Beispiel, das Deinem sehr ähnlich ist. Ein Inder, der in New York lebt und über Ungarn schreibt. Ein ungarischer Leser bemängelte, dass sich der Roman mit Ungarn befasse, aber auf indische Manier. Klingt irgendwie komisch, oder?

      Trotz der Einteilung kann man diese kritisch hinterfragen, sie erweitern oder erklären.
      Und wenn es dann um jemanden wie Kafka geht, dann erheben plötzlich ganz viele Nationen Anspruch auf seine Werke. Wie Du schreibst, vieles im Leben ist eben nicht in schwarz und weiß zu unterscheiden, sondern spielt sich in Grauzonen ab.

  4. klappentexterin schreibt:

    Das sind interessante Gedanken, an denen ich nicht wortlos vorüberlesen möchte. Wie Ailis neige auch ich nicht zu solchen Kategorisierungen. Deshalb habe ich mich noch nie intensiv damit beschäftigt und finde es gut, dass du diese Fragen aufgegriffen und niedergeschrieben hast. Das wäre übrigens sehr interessanter Diskussionsstoff für eine Literatursendung.

    Aber wie sieht es nun aus? Ich denke, so ganz einfach lässt sich das nicht festlegen und eben das macht das Thema besonders reizvoll. Wie würde ich beispielsweise „Tauben fliegen auf“ einordnen? Das ist auch so ein Grenzwert. Ein Roman von einer Autorin, die aus Serbien stammt, ungarische Wurzeln hat und in der Schweiz lebt. Wo ließe sich das Werk nun einordnen? Ich denke, dass die Kategorisierung unterschiedliche Blickwinkel hat, weil jeder anders an die Werke herangeht und sich seine eigenen Schwerpunkte heraussucht, mit denen er sich identifiziert. Vielleicht sollte man am Ende doch den Schriftsteller einfach Schriftsteller sein lassen und sich auf die Themen konzentrieren, die in dem Werk angesprochen werden?

    Liebe Grüße,
    Klappentexterin

    • wortlandschaften schreibt:

      Ich glaube, man muss nicht zu Kategorisierungen neigen. Dieser Aspekt erscheint jetzt vielleicht etwas überproportioniert oder aufgeblasen, was ich gar nicht beabsichtigte. Auch wenn ich mich da wiederhole, es war der Ausgangspunkt für sehr viele Fragen, die ich, um sie etwas zu entwirren, niederschreiben wollte, als Gedächtnisstütze und Grundlage für Antworten.

      Ob alle Fragen sinnvoll sind, stellt sich erst nach und nach heraus.
      „Transnationale Literatur“ ist der Terminus, der laut Ugrešić am stärksten im Umlauf ist. Ugrešić verweist in dem Zusammenhang auf Azade Seyhan und deren Buch „Writing outside the nation“. Über diesen Titel bin ich auf einen anderen Namen aufmerksam geworden, Carmine Chiellino, der 2000 ein Handbuch mit dem Titel „Interkulturelle Literatur in Deutschland“ herausgegeben hat. Ich bin beim Querlesen eines PDF an folgenden Zeilen hängen geblieben:

      „(…) die Vergangenheit und Zukunft werde unterschiedlichen Kulturräumen zugeordnet, und das Gleichgewicht von Raum und Zeit erhalte daher unterschiedliche Stellenwerte. Die Aufnahmegesellschaft hebe die Priorität des Ortes hervor, während sie die mitgebrachte Vergangenheit der Ankommenden meist negiere. Im Gegensatz dazu, ist aber gerade diese Vergangenheit und eine Kontinuität der Vorgeschichte oder der Wunsch danach, also eine Priorität der Zeit (und ihrer Geschichte) für die Einwanderer wichtig.“

      Genau darüber schreibt Ugrešić auch, was sie am Zerfall Jugoslawiens und am Beispiel Kroatiens darstellt. „(…) aus dem größeren gemeinsamen Staat in einen kleineren umziehen. Er musste dem radikalen Bruch mit der jugoslawischen kulturellen Vergangenheit zustimmen. Er musste ja sagen zur ideologisch-geschichtlichen Retusche und die These akzeptieren, der zufolge er in einem „totalitären kommunistischen Regime“ gelebt hatte, in der „kommunistischen Finsternis“, in Titos jugoslawisch-serbischer Diktatur. Von unserem Intellektuellen wurde erwartet, dass er das Land, in dem er gelebt hatte, nachträglich dämonisierte, mit anderen Worten, dass er auf den Leichnam spuckte.“

      Diese kleine Passage ist etwas aus dem Kontext gerissen, hilft aber in der Frage nach dem Umgang mit Vergangenheit in der Literatur eines so jungen Landes wie Kroatien weiter.

      Zu den Versuchen der Katalogisierung schreibt Ugrešić:
      „Die westeuropäischen Katalogisatoren geraten aus der Fassung, weil in den nationalen Stoffen massenhaft Migranten eindringen, die sehr wohl des Lesens und Schreibens kundig sind. Sie quälen sich mit der Errichtung von Grenzen zwischen „autochthoner“ und „allochthoner“, „nationaler“ und „Emigranten“-Literatur (…).“

      Die dritte Geographie, so nennt sie ihren [damit sind die Verfasser der transnationalen Literatur gemeint] konstruierten Raum, eine dritte Kulturzone, die sie mit ihrer Literatur schaffen.

      Zum Abschluss: Es ist natürlich das Inhaltliche, die Thematik eines Werkes, auf die ich mich in erster Linie konzentriere. Dass darüber hinaus Fragen aufgeworfen werden, die sich vordergründig vielleicht nicht direkt damit beschäftigen, ist deshalb ja nicht ausgeschlossen.
      Und ob nun bewusst oder unbewusst, gewisse Zuschreibungen und Erwartungen verbindet man oft mit Nationalitäten. Nicht alle Betrachtungen sind differenziert, niemand ist gänzlich frei von Klischees.

      Liebe Grüße
      PS: Den Text zu „Keiner zu Hause“ wollte ich eigentlich kurz nach diesem einstellen, allerdings hatte ich bis jetzt nicht die Ruhe, den fertigzustellen. In den nächsten Tagen sollte ich dafür Zeit finden.

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