Verlust und Abschluss

Es gibt Situationen im Leben, die sind so gewaltig und einschneidend, dass ganze Lebensabschnitte davon betroffen sind. Du bist völlig unvorbereitet und weißt nicht damit umzugehen, kannst dich nicht darauf einstellen. Die Wucht erschüttert dich in deinen Grundfesten, katapultiert dich aus dem Leben, wie du es kanntest. Unter dir öffnet sich der Boden und du befindest dich im freien Fall. Bei dem Versuch, zu begreifen, was vor sich geht, ist das Scheitern vorprogrammiert. Du stehst nicht nur im bildlichen sondern auch im wörtlichen Sinn neben dir, bist deiner Welt entrückt.

Kei wurde von ihrem Mann verlassen, einfach so, ohne Anzeichen oder eine Vorwarnung. Seit diesem Ereignis sind viele Jahre ins Land gezogen, zwölf um genau zu sein. Aus der gemeinsamen Tochter Momo ist mittlerweile ein Teenager geworden, der langsam Flügge wird, seinen eigenen Weg gehen will. Kei, die mit Momo und ihrer alten Mutter unter einem Dach wohnt, hat wieder eine Beziehung – zu einem verheirateten Mann. Vergessen konnte Kei ihren Mann Rei in den vergangenen Jahren jedoch nie. Sie hat sich mit Reis Verschwinden so gut es geht arrangiert, lebt mit und über die Situation hinweg. Ihre Gedanken tragen sie immer wieder zurück in die Zeit mit Rei, ihrer großen Liebe. Aus einem Impuls heraus steigt Kei eines Abends nach der Arbeit nicht in den Zug nach Hause, sondern in eine andere Richtung. Sie gelangt nach Manazuru, ein kleiner Ort am Meer, von dem Kei eine große Kraft ausgehen verspürt. Seit ihrem Besuch wird sie von einer mysteriösen Frau verfolgt, die nicht von dieser Welt scheint. Kei vermutet in ihr eine Verbindung zu ihrem verschollenen Mann, denn die vagen Hinweise beginnen sich zu verdichten.

Wer aufgrund der einleitenden Zeilen glaubt, es erwarte den Leser ein Roman, der ihn in tiefe Depression zu stürzen vermag, sieht sich getäuscht. Wie schon in „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ wusste ich an „Am Meer ist es wärmer“ besonders die unaufgeregte Erzählweise, das zelebrierende Element in der Beschreibung der Mahlzeiten, das eine beruhigende Wirkung auf mich ausstrahlte und die Zeit, die Kawakami den Figuren für Alltägliches einräumt, sehr zu schätzen. Der Besuch eines Restaurants hat etwas Tröstliches, wenn mit Lust am Detail gewöhnliche Speisen zu Gaumenfreuden werden. „Ich bestellte Rossmakrelentartar. Der Koch hatte die Makrele nicht wie üblich gehackt, sondern in kleine daumennagelgroße Stücke geschnitten, die mit Shisoblättern und gehacktem Ingwer garniert waren. Die Masse hatte eine angenehm reichhaltige Konsistenz, sie musste eine Weile in Soja-Marinade eingelegt gewesen sein. Dazu gab es Misosuppe aus Fischfond und eine großzügig bemessene Schale Reis. Ich aß restlos alles auf.“

Die Beziehung zur heranwachsenden Tochter, die sich schneller wandelt, als Kei lieb ist, schildert Kawakami sehr gefühlvoll. Rückblenden blicken in die Zeit und die Gefühlswelt, als Momo noch ein Baby war. „Als Momo gerade geboren war und ich sie stillte, hatte ich mich unsagbar eng mit ihr verbunden gefühlt. Wie nah ich diesem Kind damals war! Näher sogar noch als während ich sie im Bauch trug. Es war weder Liebe noch Zuneigung. Nur Nähe.“ Dabei ist es unter den gegebenen Umständen nur allzu verständlich, dass es Kei schmerzt, ihre pubertierende Tochter auf Distanz gehen zu sehen.

Beschreibungen in Kawakamis Roman sind mehr als genaue Beobachtungen, sie entsprechen sinnlichen Momentaufnahmen, deren Verblassen Gerüche, Stimmen, Körperformen und Körperpartien verhindern, die in irgendeiner Weise an Rei erinnern und so Zugriff auf Keis Erinnerungsarchiv gestatten. In der Erinnerung und dem Vergessen („Neuerdings kam es vor, dass ich meinen Mann vergaß. Früher hatte ich immer sehr intensiv an ihn gedacht, und sein plötzliches Verschwinden hatte diese Intensität sogar noch verstärkt.“) liegt etwas Widersprüchliches, sie liegen so nah beieinander wie Traum und Wirklichkeit. Ich bekam den Eindruck, dass Kei zwischen Loslassen und Festhalten schwankt. Manazuru und die Frau dienen als Mittler zwischen den Diskrepanzen, sollen schlussendlich für eine Entscheidung sorgen, in die eine oder die andere Richtung. Worauf jede Einzelne hinausläuft, sollte sich am Ende herausstellen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Realität und Traumähnliches verschmelzen, irritiert. Konnte sie mich zu Beginn noch faszinieren, verwehrten mir die im weiteren Verlauf immer größeren Platz beanspruchenden, surrealen Vorkommnisse um die Frau und Manazuru, mich in die Geschichte fallen zu lassen. Der Fluss, in dem ich mich in Kawakamis „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ noch so wunderbar treiben lassen konnte, gerät hier einige Male ins Stocken. Wenn es ins Übersinnliche geht, fange ich an, mir Brücken zu bauen, die einen rationalen Zugang ermöglichen sollen. Hier komme ich auf den ersten Absatz zurück. Außergewöhnliche Erlebnisse erscheinen in der Rückschau oft fremd und surreal, wie aus einer anderen Welt. Flüchtige Zustände, die zu beschreiben eine eigentümliche, vieldeutige Herangehensweise ein probates Mittel sein kann. Meine Verbindungen kappte Kawakami vor allem gegen Ende, so dass ich etwas ratlos zurückblieb.

„Am Meer ist es wärmer“ ist ein Roman, dessen Stärken in der ruhigen Erzählweise und der zärtlichen Annäherung an die Figuren liegen. Das Ineinanderfließen von Traum und Wirklichkeit ist reizvoll, ging mir letztlich aber etwas zu weit. Wer damit Probleme haben könnte, dem sei eher zu „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ geraten.

Hiromi Kawakami
Am Meer ist es wärmer
Carl Hanser Verlag, München 2010
ISBN-13 9783446235533
Gebunden, 207 Seiten, 17,90 EUR

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3 Antworten zu Verlust und Abschluss

  1. Blauraum schreibt:

    Bei „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“, fand ich die surrealen Elemente ehrlich gesagt schlimmer… da gab es doch eine Szene, wo sie auf einmal am Meer sitzt mit dem Sensei. Bei diesem Roman fand ich es toll, wie sie den Übergang von der Realität auf die andere Seite schafft. Ich erinnere mich da besonders an das weiße Caféhaus. Ich mochte den Roman sehr, aber mien Favorit ist nach wie vor Herr Nakano und die Frauen.

    • wortlandschaften schreibt:

      Schlimm fand ich die surrealen Szenen ja gar nicht und den Roman gut. Mir war gegen Ende die „andere Seite“ etwas zu real.
      An die Szene in „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ kann ich mich jetzt nicht erinnern. Es ist schon wieder eine ganze Weile her, dass ich das Buch gelesen habe, so dass mir das durch die Lappen gegangen sein muss. Vielleicht hat mir da meine Erinnerung einen Streich gespielt, denn ich war fest davon überzeugt, dass es in „Am Meer ist es wärmer“ deutlich surrealer zuging. Mit „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ verbinde ich eine klassische Liebesgeschichte, bei der bei mir die vielen Treffen im Restaurant, der Pilzausflug und der gemeinsame Urlaub hängen geblieben sind.

      Bei Kawakamis kulinarischen Abstechern läuft mir das Wasser im Mund zusammen, obwohl ich gar nicht sicher bin, ob mir das jeweilige Gericht schmecken würde. Ich musste dabei auch ab und zu an den wunderbaren Tampopo denken.

      „Herr Nakano und die Frauen“ will ich auch mal lesen.

  2. klappentexterin schreibt:

    Ich finde, dieser Roman sticht von den anderen heraus. Einmal ist er viel schwerer als die anderen Werke, auch deshalb, weil die skurrilen Figuren fehlen. Außerdem stimme ich mit dir überein, dass man das Gefühl hat, noch mehr aus der Wirklichkeit herauszufallen direkt in eine befremdliche andere surreale Welt hinein. So klar wie hier verschwommen auch für mich diese Grenzen in „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ nicht. „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist eine besondere Liebesgeschichte, an die surrealen Elemente kann ich mich ebenfalls nicht erinnern. Vielleicht waren sie zu leicht?

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