Von Betriebsstörungen und Turbulenzen

Es ist mal wieder etwas ruhiger geworden auf meinem ohnehin eher leisen Texttagebuch. Gelesene Bücher haben sich in letzter Zeit angehäuft und kreisen in der Warteschleife für eine Landung auf meinem Blog. Zu den meisten dieser Bücher habe ich mir Notizen gemacht, um das Verblassen der Erinnerung zu verzögern und um Besonderheiten festzuhalten. Bei dem ein oder anderen Exemplar ist der Sprit diesbezüglich schon sehr knapp, zu manchem habe ich bereits ein paar Sätze geschrieben und überlegt, ob ich kleine sprachliche Schnappschüsse (gleichzeitig die Kategorie, der sie zugeordnet würden) basteln solle, um die Entdeckungen blogtechnisch nicht völlig außen vor zu lassen und zu teilen. Verworfen habe ich diese Idee (deren Ursprung wahrscheinlich im Pleistozän der Geschichte der Literaturblogs zu suchen ist) noch nicht, jedoch feststellen müssen, dass die prägnant auf den Punkt gebrachte Beurteilung für mich noch schwieriger zu bewerkstelligen ist als die weitschweifige. Notlandungen oder gar Bruchlandungen will ich vermeiden und so ist es wahrscheinlich besser, die eine oder andere Rezension auf einen anderen Flughafen umzuleiten. Geschlossen ist der International Airport Wortlandschaften deshalb noch nicht, er ist nur etwas kleiner, langsamer und manchmal mit der Abwicklung überfordert. Ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Roman befindet sich schon im Landeanflug aus Frankreich kommend.

Um die Wartezeit bis dahin zu verkürzen gibt es hier nun einen Ausschnitt des angesprochenen Luftraums:

Zum Abschluss möchte ich aber doch noch eine handfeste Empfehlung geben, für all diejenigen, die, wie ich, immer auf der Schatzsuche sind.

„Beobachten wir einen Leser in einer Buchhandlung: er nimmt ein Buch in die Hand, schlägt es auf, blättert darin und ist, für ein paar Augenblicke, völlig von der Welt getrennt. Er lauscht jemandem, der spricht und den die anderen nicht hören. Er nimmt zufällige Satzfragmente auf, schließt das Buch und betrachtet den Umschlag. Dann vertieft er sich oft in den Klappentext, von dem er sich eine Hilfe erwartet. In diesem Moment öffnet er – ohne es zu wissen – ein Kuvert: die wenigen Zeilen außerhalb des Buchtextes sind in der Tat ein Brief: der Brief an einen unbekannten Leser.“

Hundert Stück davon versammelt Roberto Calasso in seinem Band. Nur einen kleinen Teil davon habe ich bereits gelesen, springe dabei nach Lust und Laune zwischen den Romanen und philosophischen Werken, Dramen und Gedichten berühmter und weniger bekannter Autoren. Calassos Texte machen Freude und wecken Leselust. Man kann sicher sein, dass aufgrund dieser Essays etliche Werke ins Bewusstsein und auf die Liste der noch zu lesenden Bücher wandern werden, die man vorher vergessen oder so gar nicht auf dem Radar hatte.

Roberto Calasso
Hundert Briefe an einen unbekannten Leser
ISBN-13 9783446207417
Carl Hanser Verlag, München 2006
Kartoniert, 206 Seiten, 17,90 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch

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11 Antworten zu Von Betriebsstörungen und Turbulenzen

  1. Oh ja das kenne ich sehr gut! Man kommt gar nicht nach mit den Rezensionen und das Frustpotential steigt. Aber am Ende zählt ja immer die Qualität und nicht die Quantität. Ich schau trotz „Betriebsstörungen und Turbulenzen“ gern vorbei🙂
    Liebe Grüße
    Vera

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Vera.

      Ein bisschen frustrierend ist es schon, aber ich habe mich damit arrangiert nicht alle gelesenen Bücher vorstellen zu können. Vielleicht kann ich dennoch mal was nachreichen. Manchmal fällt die Schreiberei auch schwerer, wobei mir die wahrscheinlich grundsätzlich nicht ganz so leicht von der Hand geht. Umso schöner, dass Du trotzdem gerne vorbei schaust. Danke!

      Liebe Grüße

  2. klappentexterin schreibt:

    Bücher=Zeit. Das ist meine persönliche Formel. Sie sind Quellen der Inspiration und Ruhestätten zugleich. Am Ende soll man Freude am Bloggen haben und sich nicht hetzen lassen. So wie du das machst, ist das gut und ich bleibe dir als treue Leserin erhalten, selbst wenn es bei dir ruhig zugeht, weil ich deine Rezensionen sehr schätze und die Bücher mir gefallen über die du schreibst. Ganz reizend finde ich deinen Beitrag hier, der mir ein Lächeln beschert hat.

    Liebe Grüße,

    Klappentexterin

    • wortlandschaften schreibt:

      Das ist wahr. Neben der Zeit brauche ich vor allem Ruhe zum Lesen.
      Beim Bloggen muss eben jeder seinen eigenen Rhythmus finden, bei dem die Freude nicht auf der Strecke bleibt. Gerade ist es ein Roman, der auf ganz vielen Ebenen zu mir sprach, und mir so ein paar Schwierigkeiten bereitet, das alles in angemessene Worte zu fassen, so dass ich ein bisschen auf der Stelle trete. Aber das wird noch.
      Über die lieben Worte hab ich mich sehr gefreut. Schön, Dich als treue Leserin zu wissen. Danke!

      Liebe Grüße zurück

  3. caterina schreibt:

    Mir geht es leider – oder auch nicht leider – ganz ähnlich, ich lese deutlich mehr, als ich schaffe zu schreiben, zumal auch ich mich mit dem Schreiben recht schwer tue. Wie du habe ich in letzter Zeit öfter über eine kürzere Rezensionsformel nachgedacht, aber mir stellt sich dann dasselbe Problem wie dir: dass sich kurz zu fassen noch schwieriger ist, als einfach sämtliche Gedanken niederzuschreiben und zu ordnen. Ein Dilemma. Und doch bin ich mir sicher, dass deine Leser dir treu bleiben, denn das, was du schreibst, zu lesen ist stets ein Vergnügen und eine Bereicherung. Weiterhin also frohes Lesen und Schreiben… oder eben nicht.

    • wortlandschaften schreibt:

      Wir haben das ja schon auf Deinem Blog festgestellt, dass es uns da wohl ähnlich geht. Aber wie Du dort so schön festgestellt hast, handelt es sich ja um keinen Wettbewerb.
      Es ist auch eher ein persönliches Dilemma, denn ich möchte die Leseerfahrung über das Bloggen teilen, aber eben auf eine Weise, die dieser Erfahrung auch einigermaßen gerecht wird, sie in etwa widerspiegelt. Je mehr Zeit verstreicht (auch beim Versuch des Schreibens), desto schwieriger wird das Ganze dann und wie es mit dem Aufschieben manchmal so läuft, bleibt es am Ende ganz liegen. Geht Dir da wahrscheinlich auch so ähnlich.

      Was das Verfolgen von Blogs angeht, die mir gefallen, bin ich eine treue Seele und freue mich sehr, dass das, unabhängig von der Beitragsdichte, andere auch so sehen bzw. handhaben. Ich mag Deine Seite auch sehr gerne. Bevor das aber zur ultimativen Lobhudelei ausartet, will ich noch einen Aspekt ansprechen, den ich mit diesem Beitrag ebenfalls ausdrücken wollte. Und zwar interessiert mich schon, was andere so lesen, sei es aus reiner Neugierde oder weil ich auch gerne stöbere, was sich bei mir unbekannten Autoren natürlich besonders anbietet. Deshalb finde ich es schön, wenn man das, wie z.B. bei Dir, unter „Auf dem Nachttisch“ oder als „Aktueller Tipp“ sehen kann. Selbst wenn dann eine Besprechung ausbleiben sollte.

      Mal sehen, wie das weitergeht. Man liest sich hoffentlich auch in Zukunft, wenn auch die Intervalle mal größer sein mögen.

      • caterina schreibt:

        Ja, auch das ist so ein Problem: das schwache Gedächtnis, das dafür sorgt, dass Eindrücke, Gedanken und Zweifel nach einiger Zeit verschwinden. Gerade aus diesem Grund sind mir die Besprechungen auch so wichtig: nicht nur um mit anderen zu teilen, sondern um für mich selbst ein Zeugnis meiner Lektüre zu behalten. Mich später zu erinnern, und zwar nicht nur vage. Und vielleicht sogar meine Leseeindrücke zu vergleichen, falls man dasselbe Buch nochmals lesen sollte – um festzustellen, dass man auf einmal eine völig andere Wahrnehmung hat.

        Mit Sicherheit liest man sich auch in Zukunft. Auf der einen oder anderen Seite, in der einen oder anderen Form…

        Lieben Gruß.

        PS: und warum legst du nicht ein kleines Kästchen zu aktuellen Lektüren an?

  4. matiaskaltbacken schreibt:

    Hallo,
    ich habe gerade euren Erfahrungsberichten beigewohnt und wollte mich an dieser Stelle als „neu“ im Kosmos der Blogger verorten. Aufgrund eurer Berichte bin ich schon sehr gespannt darauf wie ich es empfinden werde über meine Leseeindrücke zu schreiben und dabei vielleicht auch die eine oder andere Frustration entstehen wird, da man nicht all das zu „Papier“ bekommt, was man doch eigentlich mitteilen möchte. Aber, wie mir scheint, ist man in dieser illustren Runde der Buchliebhaber gut aufgehoben.

    Liebe Grüße und vielleicht bis bald
    Matias

    • wortlandschaften schreibt:

      @ caterina
      Berechtigte Frage bezüglich des Kästchens. Es sollte eine Überraschung sein, was als nächstes dran kommt. Vielleicht finde ich noch eine neue, maßgeschneiderte Formel.

      @ Matias
      Willkommen und viel Spaß mit Deinem neuen Blog.

      In den letzten fünf Monaten habe ich wirklich zu schätzen gelernt, wie viel Mühe und Leidenschaft viele Blogger einbringen. Meine Hochachtung, davor ziehe ich meinen Hut. Das ist keine Selbstverständlichkeit und ein Blog füllt sich nicht von selbst. Wie die Klappentexterin schon anmerkte sollte man Freude an dem haben, was man macht und wenn Druck entsteht oder gar Frust, dann muss man eben rechtzeitig auf die Bremse treten.

      Ich wünsche Dir einen guten Start!

  5. Blauraum schreibt:

    Ich hab auch noch einige Bücher nicht besprochen, will das aber in Kurzversion nachholen. Bzw. wenn ich doch keine Lust mehr habe, drüber zu schreiben, dann liegt es wohl wahrscheinlich an den Büchern, die doch nicht so besprechenswert waren.

    Auf eine Rezension zu Kawakami würde ich mich aber sehr freuen =)

    • wortlandschaften schreibt:

      Also bei den Büchern, die in dem obigen Foto zu sehen sind, lag es definitiv nicht an der Qualität.
      Zu Kawakami hatte ich schon ein paar Zeilen begonnen und ich möchte meine Notizen und Gedanken auch noch ausformulieren. Denn „Am Meer ist es wärmer“ hat mich eine Weile beschäftigt. Adelheid Duvanels Erzählungen haben eine sehr eigene Wirkung, für die ich noch die richtigen Worte finden muss.
      Ich bin schon auf Deine Kurzversionen gespannt. Vom Tisch ist das Thema ja bei mir noch nicht…

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