Der untergehenden Sonne entgegen

Sengende Sonne, drückende Hitze, staubige Küstenstraßen. Salzige Luft schwitzt zwischen den unverputzten Häusern einer Stadt an der Küste Dalmatiens, in der sich der Sommer besonders früh niedergelassen hat und mit seiner Gluthitze betäubt. Es ist die Heimat Dadas, einer jungen Studentin, die nach einigen Jahren der Abwesenheit nach Hause kommt. Die Stadt hat sich verändert, der Ort der Kindheit ist geblieben, mit dem Dada so viele Erinnerungen verbindet. Bilder einer Jugend mit ihrer Schwester und ihrem Bruder Daniel, der sich im Alter von achtzehn Jahren vor den Intercity Osijek-Zagreb-Split warf. Zurück blieben nur Dadas ältere Schwester und ihre Mutter, die den Tod nie überwunden haben. Der tägliche Gang zum Friedhof wurde für sie zum Ritual, die Gefühle hält die Mutter mit Wein und Tabletten in Schach. Dadas Rückkehr ist eine Suche nach den Gründen für den Selbstmord ihres Bruders, deren Weg sie auch zu sich selbst führt.

Auf sehr detaillierte und einprägsame Art beschreibt Olja Savičević den Ort aus Dadas Kindheit, aus dem sie einst geflohen ist und an dem sie nun wieder Zuflucht sucht. „Vielleicht ist hier der einzige Winkel der Welt, den ich kenne, Bingo, meine Rettung, ein sicherer Ort.“ Gemeint ist ihr Zimmer, „eine Schachtel in einem Schachtelhaus“. Alles andere eilte und wuchs, während Dada „die letzten zwei Jahre auf der Stelle tretend verbracht“ hatte. Die Neubauten für Kriegsinvalide sind nicht die einzigen Veränderungen, neue zügellosere Silikonhorden bevölkern die Straßen. Die Rückkehr ist vor allem eine Reise in die Erinnerung, in die Zeit als sie mit ihren Geschwistern Cowboy und Indianer spielte, mit bzw. gegen den Schienenclan, die Irokesen-Brüder. „In Jugoslawien mochten angeblich alle lieber Indianer, wohl wegen Winnetou und Gojko Mitic.“ Dass es sich in Dadas Familie genau umgekehrt verhielt, war die Schuld ihres Vaters, der Western liebte und seine Leidenschaft mit den Kindern teilte. Mit liebe- und humorvollen Anspielungen und Verweisen erweist der Roman dem Genre des Westerns Ehre ohne es dabei zu übertreiben oder selbstzweckhaft zu werden. „Na, schaut sie euch an, die kleine Löwin, was für ein Fell, was für eine Haltung, wie Claudia Cardinale.“ So kam die Katze zu ihrem Namen Jill.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Familie, Liebe und Tod, zieht sich durch den Roman. Besonders im Bezug auf den Bruder Daniel ist es eine vorsichtige Annäherung. Sachlich und nüchtern erfährt man, dass er sich vor einen Zug geworfen hatte. Erst nach und nach enthüllt sich mehr von seiner Persönlichkeit. „Wer meinen Bruder kennenlernte, wollte ihn mitnehmen, wollte ihn in seiner Nähe haben, wenn er lachte und sprach, wollte Daniel sein, ihn an der Schulter berühren, in die Wange kneifen (was er hasste). Er besaß diese Weichheit und Intensität eines ernsthaften Jungen.“ Der Roman liest sich auch als Plädoyer für mehr Toleranz im Umgang mit Menschen die anders sind oder nur anders scheinen, Vorurteilen entgegenwirkend, die einen klaren Blick vernebeln. Viele Konflikte, die in der Jugend mit Fäusten ausgetragen wurden, hatten ihre Ursache in der unterschiedlichen Herkunft. „Aber im Grunde wussten wir nie, wer was war, sodass es uns überraschte, dass alle besser wussten, wer wir waren.“

Orte und Menschen wirken oft als Katalysator für die Zeitreisen in die eigene Vergangenheit und bedingen so einen fragmentarischen Stil, in dem zwischen Erinnerungen, Anekdoten und Geschichten aus der Kindheit auf der einen und der Gegenwart auf der anderen Seite hin- und hergesprungen wird. Dadurch verliert die Geschichte weder ihr Tempo, noch droht sie schwermütig zu werden. Eine moderne, explosive und impulsive Sprache, frech, frisch und vielfältig, wie schon in Savičevićs Erzählband „Augustschnee“, trieb mich durch die Seiten. Sie ist direkt, kein Blatt vor den Mund nehmend, körperlich und animalisch. Trockener Humor und scharfsinnige Kommentare, z.B. was wohl die „Große Unersättliche“, wie die Uroma genannt wurde, über ein Thema gedacht hätte, geben der Mischung die richtige Würze. Und trotzdem ist es ein Roman, der Tiefe besitzt und sich längere Zeit in meinem Kopf festsetzte, der in mir weiter arbeitete. An einer Stelle wird Dada ans Telefon gerufen und man erfährt, dass ihr Name eigentlich Daniela ist. Vielleicht ist das ein belangloses Detail und Dada nur ein Spitzname, wahrscheinlicher erschien mir jedoch, dass sie bewusst ihren Namen wechselte. Dada zeigte sich mir als eine junge Frau, die ihren Weg noch nicht gefunden hat, mit ihrer Rückkehr jedoch die Zügel des Lebens wieder fest in die eigenen Hände nehmen, den Ballast der Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen will. Ein spannender Prozess, bei dem es manchmal besser ist, nicht auf jede Frage eine Antwort zu bekommen.

„Lebt wohl, Cowboys“ ist ein wilder Ritt durch die staubigen Straßen einer Küstenstadt Dalmatiens, bei der viele Erinnerungen aufgewirbelt werden und auch sprachlich scharf geschossen wird. Hat sich der Staub gelegt, gibt es eine feinsinnige und kluge Familiengeschichte zu entdecken, in deren Zentrum eine alles überstrahlende Vergangenheit auf ihre Aufarbeitung wartet. Ich werde auch in Zukunft nach digitalen Rauchzeichen von Olja Savičević Ausschau halten.

Olja Savičević
Lebt wohl, Cowboys
Voland & Quist Verlag, Dresden und Leipzig 2010
ISBN-13 9783938424810
Gebunden, 221 Seiten, 19,90 EUR

Dieser Roman ist ein Beitrag der „Werde Entdecker!“–Challenge von Bibliophilin & Ailis.

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Leseprobe

Dieser Beitrag wurde unter Challenges, Kroatische Literatur, Romane & Erzählungen, Werde Entdecker! abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Der untergehenden Sonne entgegen

  1. Ada Mitsou schreibt:

    Eine tolle Rezension und ich freue mich, dass ich hier bei dir ein mir vollkommen unbekanntes Buch entdeckt habe, das mich deiner Beschreibung nach sehr anspricht. Wie hast du „Lebt wohl, Cowboys“ entdeckt?

    • wortlandschaften schreibt:

      Danke, so was hört man gerne!
      Seit ich die Bücher von Marica Bodrožić begeistert aufgesogen und ihren Film über Kroatien gesehen hatte, wollte ich mehr aus dem ehemaligen Jugoslawien lesen. Das war auch der Grund, warum ich das Thema „Literatur aus Kroatien“ bei „Werde Entdecker!“ ausgesucht hatte. So bin ich auch auf den Blog Sloping in the Sky gestoßen, deren Betreiberin mir einige Autoren und deren Romane ans Herz legte. Auf Olja Savičević bin ich auf der Suche nach Edo Popović aufmerksam geworden, weil die Bücher im selben Verlag erscheinen. Damals stand mir der Sinn eher nach Kürzerem und was ich über den Erzählband las, klang sehr interessant. Die Geschichten und die Sprache fand ich dann auch sehr erfrischend, so dass ich den angekündigten Roman im Hinterkopf behielt. Es hat sich gelohnt.

      Das war jetzt die Langfassung.😉

      • Ada Mitsou schreibt:

        Aus der Ecke habe ich bisher fast gar nichts gelesen, sodass mir all die Namen kein Begriff sind, aber durch deine Challenge werde ich sicher das ein oder andere empfohlene Buch von dir mitnehmen. Danke!

  2. caterina schreibt:

    Das Buch hatte ich bereits auf meiner Wunschliste dank einer Leseprobe, die ich bei Tubuk gefunden hatte und die mich zutiefst beeindruckte. Deine wunderbare Rezension hat mir nun diesen ersten – kurzen – Eindruck bestätigt. Ohnehin zieht es mich in letzter Zeit immer öfter zu solchen Büchern, in denen schwierige Vergangenheiten – vor allem im familiären Kontext und häufig vor einem geschichtlichpolitischen Hintergrund (ich nehme an, dass das auch hier der Fall ist…) – aufgearbeitet werden.

    PS (falls du es nicht selbst gesehen hast): Der Verlag hat heute deine Rezension auf Facebook verlinkt…

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Caterina,

      Danke für Deine Rückmeldung und das Lob. Wenn Dich die Leseprobe beeindruckt hat, dann wird Dir der Roman bestimmt gefallen.

      Während ich das Buch las, habe ich mir sehr viele Notizen dazu gemacht. Die Sprache und die Bilder haben mich beeindruckt. Ich musste etliche Male laut lachen und verweilte in den zahlreichen klugen Sätzen. Ich mag auch die Auseinandersetzung mit Erinnerung und Vergangenheit. Die meisten Stellen sind nicht in meinen Text eingeflossen, weshalb ich eine hier noch anfügen möchte, die mir diesbezüglich sehr gut gefiel. „Doch die Erinnerung ist auch ein sabotierender Cutter im Hinterzimmer, der schneidet und zusammenklebt, ändert bis zum Schluss oder zumindest bis zur Alzheimer-Erkrankung.“ Das ist so ein Beispiel für ein tolles Bild, das gleichzeitig auch diesen Humor beinhaltet, der im ganzen Roman zu finden ist.

      Der Roman hat wirklich sehr viele Qualitäten auf unterschiedlichen Ebenen. Krieg ist auch Thema, denn der ist selbstredend fester Bestandteil der Erinnerung und der Gegenwart, manchmal eher subtil z.B. in der Beschreibung der Umgebung oder konkreter anhand bestimmter Ereignisse. Ich musste den Roman ein paar Tage sacken lassen, bevor ich den Text schrieb, weil es mir schwer fiel, alle Gedanken zu ordnen. Beim Durchgehen der Notizen habe ich wieder sehr oft zum Buch gegriffen, weil es einfach packend ist. Wenn Du es irgendwann mal lesen solltest, freue ich mich auf Deine Meinung.

      Und danke für den Hinweis, ich habe es an den Zugriffszahlen gemerkt, dass mehr los war, als gewöhnlich und dann den Link gesehen. Ich bin allerdings nicht bei Facebook angemeldet, finde die Seiten vieler Verlage aber sehr schön und praktisch.

      • caterina schreibt:

        Entschuldige die späte Antwort.
        Danke für das schöne Zitat über die Erinnerung, ein sehr ungewöhnliches Bild, aber doch sehr wahr.
        In letzter Zeit lese ich auch immer mehr Romane mit Kriegen als geschichtlich-politischen Hintergründen. Ich finde es ungemein spannend zu sehen, wie Menschen eine solche Erfahrung in Sprache umwandeln – was von dieser Erfahrung in der Erinnerung übrig bleibt, was unbewusst hinzugefügt oder verändert wird im Vergleich zu „Wirklichkeit“. Und inwiefern die Sprache ein Mittel – bisweilen aber auch ein Hindernis – sein kann, um eine solche Erfahrung zu verarbeiten.
        Derzeit lese ich H. G. Adlers Panorama, das mir in dieser Perspektive auch sehr interessant erscheint: Zwei von zehn Kapiteln befassen sich mit der Lager-Erfahrung, und das auf ziemlich beeindruckende Weise… Der Text gehört zwar nicht zu den berühmtesten in diesem Themenbereich, dennoch habe ich selten eine treffendere, bedrückendere und zugleich poetischere Beschreibung der Vorgänge gelesen…

  3. wortlandschaften schreibt:

    Erinnerung und Vergangenheit sind immer spannende und weite Felder, deren Geburt in Worten ein Segen sein kann, für den Schreibenden als Bewältigung und für den Leser aus poetischer Sicht. Wie Du schreibst, kann die Sprache auch ein Hindernis sein, aber einigen Schriftstellern gelingt es auf besondere Weise, schwer Fass- oder auch Begreifbares in den Seiten eines Buches ein neues Zuhause zu geben. (Die Beschreibung klingt jetzt vermutlich bodrožić-esk, denn gerade bei den angesprochenen Themen muss ich an ihre besondere Gabe im Umgang mit Worten denken).

    Es passt hervorragend, dass Du „Panorama“ erwähnst. Ich bin vor einiger Zeit schon um das Buch geschlichen und habe dann auf Deiner Seite gesehen, dass Du es gerade liest. Es sieht so aus, als hätte ich es doch gleich mitnehmen sollen. Andererseits mangelt es mir nie an Lesestoff. Hast Du vor, „Panorama“ etwas näher bei Dir vorzustellen? Darüber würde ich gerne mehr lesen.

  4. caterina schreibt:

    Ja, ich denke schon, dass ich zu Panorama einige Worte schreiben werde: Wie ich bereits andeutete, hat mich das Buch doch in einigen Punkten sehr beeindruckt, wenn es auch streckenweise etwas ermüdend war. Empfehlen kann ich es allemal und sicherlich wird es ein Plätzchen in den Jüdischen Lebenswelten (und auf meinem Blog) finden…

  5. Mariki schreibt:

    Was für ein Zufall, dass ich dieses Buch bei dir entdecke – ich habe es soeben auch rezensiert (http://buecherwurmloch.wordpress.com/2011/06/01/olja-savicevic-lebt-wohl-cowboys/) und ich fand es GRANDIOS!

  6. wortlandschaften schreibt:

    Gerne. Von derselben Autorin gab es kürzlich auch eine Reportage über den kroatischen Kulturbetrieb zu lesen. Ein schönes Magazin, dieses Cafebabel.

    • caterina schreibt:

      Cafebabel scheint in der Tat ungemein spannend. Ist für mich eine Neuentdeckung, und ich danke dir auch dafür sehr!

      • wortlandschaften schreibt:

        Ich muss gestehen, dass ich die Seite auch erst vor kurzem für mich entdeckt habe. Ich bin auf der Facebookseite von Olja Savičević Ivančević auf die Artikel aufmerksam geworden, die übrigens sehr fleißig interessante Links und Videos postet (auch wenn ich den Großteil davon natürlich nicht verstehe, aber das ist bei Bildern und Videos nicht so wichtig und überhaupt, wozu gibt es den google Translator ;-)).

  7. Pingback: Indiebookday 2013 | SchöneSeiten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s