Kantig & hart oder präzise & zart: Illustrationen in Klassikern

Es gibt Geschichten, die fast jeder kennt, aus den verschiedensten Gründen. Weil sie Klassiker sind, sich zum festen Bestandteil der Lektüre eines Kindes oder Jugendlichen entwickelt hatten, zur Pflicht als Schullektüre auserkoren wurden, Filme und Serien darauf basieren und so weiter und so fort. Sie gehören praktisch zur Allgemeinbildung. Oft hat man sie aus eben genannten Gründen schon im Regal stehen oder kennt sie in- und auswendig. Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“, Lewis Carolls „Alice im Wunderland“ oder George Orwells „Farm der Tiere“ zähle ich dazu. Warum also noch einmal zu so einem Buch greifen? Selbst wenn man es nicht haben sollte, sind die Handlungen bekannt. Gründe fallen mir auch hierzu genügend ein: die abgegriffene Ausgabe aus Kindertagen ersetzen, das Buch einmal im Original lesen, Kindheitserinnerungen auffrischen und in alten Zeiten schwelgen, Traditionen fortführen usw. Irgendwie sind die genannten Titel ja zeitlos und für alle Generationen interessant. Bleibt nun die Frage zu welcher Ausgabe man greift. Gerade bei den genannten Titeln gibt es eine überdurchschnittlich große Auswahl, angefangen beim Reclam-Heftchen für die Hosentasche bis zu gebundenen, bibliophilen Ausgaben. Letztere bestechen meist durch ihre Illustrationen, die alleine den Aufpreis mehr als rechtfertigen und ein guter Grund sind, sich ein Buch auch ein zweites Mal ins Regal zu stellen.

© Ralph Steadman & Houghton Mifflin Harcourt

Zwei Illustratoren möchte ich hier kurz vorstellen, deren Stil nicht unterschiedlicher sein könnte, mich aber gleichermaßen in seinen Bann zieht. Es handelt sich um den Briten Ralph Steadman und den Australier Robert Ingpen, beide Jahrgang 1936. Ralph Steadman wird dem ein oder anderen sicher auch im Zusammenhang mit Hunter S. Thompson (z.B. Fear and Loathing in Las Vegas) ein Begriff sein. Persönlich wurde ich durch „Animal Farm“ auf seine Illustrationen aufmerksam. Vor Jahren stieß ich auf der Suche nach eben diesem Buch auf die englischsprachige Ausgabe mit den Illustrationen Steadmans, die mich sofort ansprachen. Sie sind einzigartig in ihrem düsteren Stil und bestechen durch ihre Ausdrucksstärke. Die Stimmung des Buches und die der einzelnen Charaktere fängt Steadman meisterhaft, auf die ihm eigene Weise, ein. Seine Zeichnungen haben Ecken und Kanten, wirken verstörend. Sie lassen mich lange darauf verweilen, besonders der Ausdruck in den Gesichtern der Tiere hat etwas Bedrohliches, Bösartiges und Hässliches, das mir gerade bei Zeichnungen von Tieren so noch nicht begegnet ist.

"All animals are equal, but some animals are more equal than others." © Ralph Steadman & Houghton Mifflin Harcourt

Robert Ingpens Illustrationen sind präzise, zart (auch in den Farben), gefühlvoll, lebensnah auch im Märchenhaften und voller Detailreichtum. Sie wirken lebendig und nie langweilig und sind ebenso ausdrucksvoll. Long John Silvers Blick in „Die Schatzinsel“ lässt ihn nachdenklich und ein wenig müde wirken. Vor allem aber auch menschlich. Steadmans grafische Annäherung an diese Figur hingegen ist roh und brutal, die Betonung liegt eindeutig auf dem Bösen in Silvers Persönlichkeit.

© Robert Ingpen, "Alice's Adventures in Wonderland" (links); © "The White Rabbit" im Look von Alex (Malcom McDowell) aus "A Clockwork Orange", Ralph Steadman Art Collection, "Alice in Wonderland" (rechts)

© Robert Ingpen, artmight.com (links); © Grendel Books, ABAA, ILABS (rechts)

Ich finde es hochinteressant und spannend, wie unterschiedlich sich die Umsetzung desselben Stoffes in Stil und Form der Illustrationen niederschlägt. Beide Künstler haben die literarische Vorlage in ihre eigene Sprache übersetzt, deren Klangwelten ganz verschiedene Assoziationen hervorzurufen vermögen. Dies sind nur zwei Beispiele, aus einer Reihe großartiger Illustratoren, die mir besonders gefallen haben.

Weiterführende Links:
Ofizielle Webseite Ralph Steadman
Robert Ingpen Gallery Page

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2 Antworten zu Kantig & hart oder präzise & zart: Illustrationen in Klassikern

  1. klappentexterin schreibt:

    Das ist wirklich mal was Anderes und sehr Schönes! Vielen Dank! Als Klassikerfreundin freue ich mich sehr über solche Begegnungen.
    Ich finde die Bilder wirklich eindrucksvoll. Auch ich bleibe an ihnen hängen, bin fasziniert. Schon interessant, wie unterschiedlich die beiden Illustratoren an die Bilder herangegangen sind.

    Liebe Grüße zum Wochenende,
    Klappentexterin

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