Mährische Dörfer

Die junge Ärztin Eliška arbeitet im Zweiten Weltkrieg in Brünn, damals zum Protektorat Böhmen und Mähren gehörig, als Kurier für eine Widerstandsgruppe. Während eines Auftrages gerät sie in Lebensgefahr und muss urplötzlich vor der Gestapo untertauchen, eine neue Identität annehmen. Zusammen mit Joza, einem Patienten, den sie gerade zusammengeflickt hatte, flieht sie in dessen Heimatort, ein abgelegenes Bergdorf namens Želary. Dort soll sie Joza zu ihrem Schutz heiraten, obwohl sie in einen anderen Mann verliebt ist.

Was wie ein Agententhriller beginnt, entpuppt sich bald als eine Geschichte über das Leben auf dem Land, in einer abgelegenen und einsamen Gegend. Es ist hart und entbehrungsreich, ihre Bewohner ein eigentümlicher Menschenschlag. Die Kontraste erscheinen für die gebildete Frau aus der Stadt angesichts der Armut der Menschen, denen sie zu Beginn Misstrauen und Abneigung entgegenbringt, groß. Dennoch verschließt Eliška, die nun den Namen Hana Nováková angenommen hat, ihre Augen nicht vor den kleinen, für sie fremden Dingen des Lebens. Mit der Zeit beginnt sie das Leben und die Menschen zu verstehen. Der anfängliche Trotz („In den Momenten, in denen ich zu mir selbst zurückkehrte, dachte ich nüchtern darüber nach, wann ich hier wohl wahnsinnig werden würde.“) wandelt sich in Respekt und es beginnt in ihr eine zarte Liebe zu wachsen, die ihr Leben prägen wird.

„Der Mann aus Želary“ ist eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge des Lebens, die Schönheit der Natur in all ihren Facetten und das „einfache“ Leben. Die Mauer des inneren Widerstands der jungen Frau, bestehend aus Angst, Vorurteilen und unreflektierten Beobachtungen, bröckelt mit der Zeit, in der sich Eliška alias Hana auf die neuen Lebensumstände einzustellen vermag. Es macht Freude an dieser Entwicklung teilhaben zu dürfen, die sich auch in der Darstellung der Natur widerspiegelt. Überall entdeckt Hana kleine Wunder, blüht in ihrer neu entdeckten Kreativität auf und findet Gefallen, die ihr beigebrachten Fertigkeiten einzusetzen.

Květa Legátová fasst die Gedanken und Eindrücke, die auf die Protagonistin einprasseln, in eine klare Sprache und ausdrucksstarke Bilder, so dass es leicht fällt, sich in die Ich-Erzählerin hineinzuversetzen. Die Schilderung der Natur, essentieller Bestandteil der Geschichte, trägt großen Anteil am Reiz der Geschichte und verströmt eine ganz eigene Kraft.

„Nie hätte ich geglaubt, dass eine Landschaft erschrecken kann. Nun erfuhr ich es. Aschfahle Felsblöcke durchschnitten den Wald, in dem sich die Pfade schlängelten, sinnlos verflochten und verwirrend. Sie kreuzten sich auf eine Weise, dass man sich endlos im Kreis drehen konnte. Von unten her brauste der Fluss, der so wild war, dass man ihn nur in heißen Sommern, in denen das Wasser sank, auf den hervorstehenden Steinen überqueren konnte. Aus allen Himmelsrichtungen war das unermüdliche Pfeifen des Windes zu hören. Nur auf den drolligen kleinen Plateaus, auf den trockenen und sandigen oder den gras- und moosbewachsenen, auf denen Wasser entlangrieselte, das von überallher verborgenen Quellen entsprang, nur auf diesen Plateaus umgab mich Stille, doch erschien sie mir nach einer Weile gespenstisch. Die einsamstehenden niedrigen Holzhütten verschmolzen mit der Umgebung.“

Květa Legátová, die in Wirklichkeit Věra Hofmanová heißt und selbst aus Brünn stammt, hat eine ruhige, gefühl- und kraftvolle Liebesgeschichte geschrieben, die nie ins Kitschige abgleitet und von der ersten Seite an fesselt. Erstaunlich, wie viel in dieser kurzen Novelle steckt. Das Buch wurde unter dem Titel „Želary“ verfilmt und 2004 sogar für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Ich freue mich schon auf weitere Geschichten in „Die Leute von Želary“.

Květa Legátová
Der Mann aus Želary
dtv, München 2010
ISBN-13 9783423244589
Broschiert, 155 Seiten, 7,95 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Leseprobe
Dorfgeschichten aus Želary

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4 Antworten zu Mährische Dörfer

  1. Ania schreibt:

    Ich habe das Buch schon eine Weile in meinem SuB liegen und möchte es endlich bald lesen – habe nur gutes darüber gehört.

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Ania,

      dann wünsche ich Dir schon mal viel Spaß, ich hatte viel Freude an der Lektüre, die sehr kurzweilig ist. Ich bin eher zufällig auf das Buch aufmerksam geworden. Die Geschichte hat mich gleich neugierig gemacht. Ich hoffe, Dir gefällt das Buch auch.

  2. Bibliophilin schreibt:

    „Die Leute von Želary“ ist der erste Teil, nicht wahr? Ich meine, wenn man bei dem Želary-Ziklus von Teilen sprechen kann. Ich habe die Bücher zwar nicht ganz gelesen, aber angelesen. Und freue mich, in ein bisschen ruhigeren Zeiten, sie zu lesen.
    Danke für die schöne Rezension und Erinnerung an Želary.

    • wortlandschaften schreibt:

      Ja, „Die Leute von Želary“ ist in Tschechien 2001, „Der Mann aus Želary“ ein Jahr später erschienen. Ich denke nicht, dass es eine große Rolle spielt, welches Buch man zuerst liest. Ich weiß über „Die Leute von Želary“ nicht viel, außer dass einige Figuren auch in dem anderen Buch vorkommen. Auf dass Dir das Buch in ruhigeren Zeiten viel Spaß macht!

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