„Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“

Im Vorwort zu den Tagebüchern beschrieb David Rieff, Sohn und einziges Kind Susan Sontags, die Schwierigkeit der Entscheidung, diese zu veröffentlichen. Sontags unbändiger Lebenswille, ihre Krankheit und ihr Tod finden kurz Erwähnung. Die Schwierigkeit im Umgang mit einer schweren Krankheit, dem Tod und allen dabei involvierten Menschen beschreibt David Rieff in seinen Erinnerungen an die letzten Tage seiner Mutter.

Am 28. März 2004 teilte Susan Sontag ihrem Sohn mit, dass sie möglicherweise wieder krank sei. Zwei Mal hatte sie bereits den Krebs besiegt. 1975 wurde bei ihr Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert und 1998 ein Gebärmuttersarkom. Sie war auf diesem Gebiet also eine Veteranin, die „mühsam gelernt hatte, auch bei derartigen Nachrichten die Ruhe zu bewahren“.

Rieff schildert, auf welche Weise seine Mutter und er die Diagnose vermittelt bekamen. Es handele sich zweifelsfrei um das Myelodysplastische Syndrom, ließ sie Dr. A. wissen, der einzige Name den Rieff im Buch nicht vollständig nennt. „Dieses Wort sagte uns beiden nichts. Unsere Verwirrung enttäuschte ihn. MDS, so erläuterte er langsam und jedes Wort betonend, als hätte er es mit einer Familie von Dorftrotteln zu tun, sei eine besonders tödliche Form von Blutkrebs.“ Rieff konnte Dr. A. seine Formulierungen, die jegliches Mitgefühl vermissen ließen, nicht verzeihen. Glücklicherweise  gab es noch andere Ärzte, die sich der Situation angemessen verhielten. Rieff berichtet allerdings nicht nur private Angelegenheiten, die ihn und seine Mutter betreffen, sondern wirft Fragen auf, die jeden von uns beschäftigen. Hängt die Überlebenschance auch vom Glauben daran ab? Ist Wissen Macht oder Qual? Bringt mehr Wissen eher Trost oder Verzweiflung? Hier fragt sich Rieff insbesondere, ob seine Mutter 1975 die Willenskraft aufgebracht hätte, die Behandlung ihres metastatischen Brustkrebs im Stadium IV fortzuführen, wenn sie gewusst hätte, wie gering die Überlebenschancen gesehen wurden.

In der Medizin beschreibt die Remission das Nachlassen von Krankheitssymptomen. Sie kann temporär oder dauerhaft sein und so lebte Sontag nach ihrer Brustkrebsbehandlung „unter dem Damoklesschwert eines Rückfalls“. „(…) Die Sterblichkeit als solche bedeute, dass sich alle Menschen angesichts des Todes letztlich immer nur in einem Zustand der Remission befinden.“ Das sagte Sontag nach ihrem Brustkrebs. Nun begründete ihre Hoffnung auf eine Remission sich auch auf die Wissenschaft, von der sie glaubte, dass in der Zeit der Remission der Fortschritt ihr weitere Zeit brächte.

David Rieff hatte, wie er es nennt, eine Rolle inne, die darin bestand, „sie zu beruhigen und ihr Zuversicht zu geben, dass ein Weiterleben für sie zumindest möglich sei.“ Rieff hatte seine Mutter immer „als eine Person mit unstillbarem Hunger nach Wahrheit gesehen.  Nach ihrer Diagnose blieb ihr der Hunger erhalten, aber nun verlangte sie nach Leben und nicht nach Wahrheit.“ Zweifel und Schuldgefühle ob der Entscheidungen und seiner Rolle, beschäftigen ihn. Trost findet er darin, dass seine Mutter ihren eigenen Tod habe sterben können.

Susan Sontag glaubte daran, dass sie überleben würde. Es gab Ärzte, die das Verschweigen, wie winzig die Chance auf eine Verbesserung wirklich war, kritisch sahen. Auch diese Frage oder besser gesagt das Dilemma, Patienten Hoffnung zu machen und weitere Behandlungen anzuwenden, die aller Voraussicht nach nur das Leid verlängern, Nebenwirkungen verursachen und hohe Kosten für die Allgemeinheit bedeuten, wird in David Rieffs Buch verhandelt. Annie Leibovitz „poppige Bilder vom Tod einer Prominenten“ empfand er als Erniedrigung und hätte sich gewünscht, dass seiner Mutter ein schneller Tod diese und vor allem die Schmerzen erspart hätte.

Susan Sontag starb am 28. Dezember 2004 und liegt auf dem Friedhof Montparnasse in Paris begraben.

David Rieffs Buch ist ein bewegender Bericht über Krankheit und Tod seiner Mutter, der neben deren bewundernswerten Kampfeswillen nicht nur private, sondern allgemein sehr viele Fragen über Krankheit, Sterben und Tod aufwirft. Es sind Fragen, auf die es keine definitiven Antworten gibt und die deshalb umso mehr zum Nachdenken anregen. Die dabei auftretenden Zweifel lassen sich nie endgültig beseitigen, denn es gibt nicht den einen Weg. Keiner kann wissen, welche Auswirkungen die getroffenen oder andere Entscheidung hatten, wenn sie denn überhaupt eine Rolle spielten. Rieff schreibt am Ende: „Trotzdem bin ich mir alles andere als sicher, dass ich das Richtige getan habe, und in meinen dunklen Augenblicken frage ich mich, ob ich für sie nicht sogar alles noch schlimmer gemacht habe, indem ich den vergifteten Kelch der Hoffnung immer wieder neu füllte.“ Das jüdische Sprichwort weiter vorne im Buch fand ich in diesem Kontext sehr treffend und auch beruhigend:

„Es gibt nicht nur die Pflicht, dem anderen alles zu sagen, was er verkraften kann, sondern auch die Pflicht, nicht zu sagen, was er nicht verkraften kann.“

Ein sensibles, reflektiertes und menschliches Buch, das wichtige Fragen stellt und in dem Rieff in meinen Augen sehr behutsam mit Privatem umging.

David Rieff
Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag
Carl Hanser Verlag, München 2009
ISBN-13 9783446232761
Gebunden, 159 Seiten, 17,90 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch

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6 Antworten zu „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“

  1. Tanja schreibt:

    Dass du dich an so ein emotionales Buch herangewagt hast.
    Ich denke, dass man bei vielen Krankheiten weiß, wie die Chancen um einen stehen. Es ständig auf die Nase gebunden zu bekommen frustriert. Aber was ist, wenn Ärzte so tun, als ob, und Besserung geloben? Ist es nicht eine Art Schutzmechanismus, wenn man sein Leben leben und erleben will? Wozu Zeit mit Behandlungen opfern, die einem die Zeit für die letzten Erlebnisse nehmen, wenn es keinen Funken Hoffnung gibt? So schlimm auch die Wahrheit ist, so ist es doch wichtig diese zu kennen.
    Ich würde mich niemals an einen Strohhalm klammern wollen.
    Nun, ich kenne dieses Buch nicht! Romane über Leben und Tod können mich traurig stimmen und deshalb ist es keine gute Idee, wenn ich zu diesem Buch greifen würde.
    Das Sprichwort aber, entspricht der Wahrheit! Danke für deine tiefgründige Buchbesprechung – über Leben und Tod.
    Liebe Grüße, Tanja

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Tanja,

      Dass die Chancen nicht besonders groß waren, ich denke darüber war sie sich bewusst. Ihr unerbittlicher Kampf und der Glaube und Wille zu leben scheinen aber unglaublich groß gewesen zu sein. Wie ich am Ende schrieb, denke ich, dass es nicht den einen Weg gibt, sondern dass das individuell auf die Person, den Charakter, ihre Biografie, die behandelnden Ärzte, das Umfeld ankommt und von vielen anderen Faktoren abhängt.

      Susan Sontag hatte den Krebs schon zwei Mal besiegt und vor über 30 Jahren standen die Chancen, wie man lesen kann, alles andere als gut. Sie hatte damals nichts unversucht gelassen und Erfolg. Rieff schreibt, dass sie in Augenblicken tiefer Verzweiflung oft sagte, dass sie sich nicht mehr wie etwas Besonderes vorkäme. Sie sah in ihrem erfolgreichen Kampf eben keine bloße statistische Ausnahme oder „ein biologisches Glückslos“, sondern dass sie etwas Besonderes wäre. Rieff betont aber, dass das nichts mit Größenwahn oder mystisch aufgeladenem Quatsch a la „ich bin auserwählt“ zu tun hatte, sondern mit ihrem Glauben an sich und an ihr Werk als Künstler.

      Rieff beschreibt auch, wie man sich wohl fühlen müsse, wenn man alles gegen den Krebs investiert hat und ihn dann wirklich besiegt. „Dann muss einem dieses Überleben wie ein Wunder erscheinen, so sehr der eigene Verstand sagt, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nicht so verhält.“ Das ist alles recht ausführlich geschildert und ich hoffe, dass das nicht im falschen Licht erscheint, so aus dem Zusammenhang gerissen. Wenn man das Buch gelesen hat und vielleicht vorher noch die Tagebücher – übrigens der Grund, warum ich dieses Buch gelesen habe – dann zeichnet sich ein Bild dieser Frau und ich konnte schon verstehen, warum sie kämpfte.

      Rieff beleuchtet auch andere Wege, als den gewählten, setzt sich mit kritischen Stimmen auseinander und äußert Verständnis. Sontag wusste ihre Diagnose und informierte sich über das Internet und alle möglichen Quellen, übersetzte die Fachtermini um sie zu verstehen usw. An einer Stelle schreibt Rieff „vielleicht war dieses Weiterlebenwollen ihre Art zu sterben.“

      Pauschal lässt sich da glaube ich gar nichts sagen. Das Alter spielt bei der eigenen Entscheidung sicher auch eine Rolle. Hätte Sontag 1975 nicht gekämpft, wäre sie wahrscheinlich knapp 30 Jahre früher gestorben.
      Hoffen wir, dass wir gesund bleiben und die Frage, wie wir uns persönlich verhalten würden, niemals wirklich beantworten müssen.

      Liebe Grüße

  2. Tanja schreibt:

    Das hoffe ich für uns auch. Manche Wege sind unergründlich, manche steinig und nach einer Zeit nicht mehr zu überwinden. Manches geht über unsere Vorstellungskraft und ich danke dir, für deine Zeilen, die Licht ins Dunkle bringen. Das Leben kann tückisch sein. Stimmt, es kommt immer auf die Situation und vor allem auf den betroffenen Menschen an.
    Susan Sontag hatte eine bewegte Vergangenheit. Manche sehen den gewonnenen Kampf gegen eine fast unheilbare Krankheit als Wunder an, und manche wiederum verfallen in tiefen Depressionen. Die Gedanken einer Künstlerin wie Susan oder die von anderen Betroffenen, kann man nicht nachvollziehen, vielleicht noch nicht mal einschätzen. Jeder denkt anders und geht auch anders damit um. Meiner Cousine ergeht es leider ähnlich. Zwar ist sie nicht an Krebs sondern an MS erkrankt. Plötzlich steht ihre gesamte Karriere auf dem Spiel. Sie musste sich umorientieren. Aus war der Traum Medizinerin zu werden. Sie wußte, was auf sie zukommen würde und wird.
    Als Betroffener ist man wahrscheinlich abgeklärter und sieht die Dinge anders. Man akzeptiert die Diagnose. Während andere in der Familie sich Gedanken darum machen, wie man mit der Krankheit und der Person umgeht. Für mich ist es so, dass jeder Mensch etwas besonderes ist. Ganz egal ob man ein Künstler oder sonst irgendwer ist.

    Liebe Grüße, Tanja

    • wortlandschaften schreibt:

      Erst einmal tut mir das sehr Leid, dass Deine Cousine schwer erkrankt ist. Ich nehme an, dass sie noch jung ist, wenn sie ihre Karriere noch vor sich hat. Alles Gute von mir.

      Ich stimme Dir zu, dass man die Gedanken vielleicht noch nicht mal einschätzen kann und vieles in dem Buch ist auch von Seiten des Sohnes Spekulation. Daher auch die Zweifel und Schuldgefühle. Niemand kann in einen anderen hineinsehen. Krankheit und Tod sind Themen, über die man sich nicht oft offen unterhält.

      Für mich ist auch jeder Mensch etwas Besonderes und ich denke nicht, dass das Frau Sontag anders sah. Jedenfalls habe ich das nicht so gelesen, als wolle sie sich da über andere stellen oder halte sich für etwas Besseres. Ich hatte die Befürchtung, dass die Passage möglicherweise falsch aufgefasst werden könnte (wobei ich natürlich nicht wirklich weiß, wie es genau gemeint war), denn im Kontext las sich das für mich gerade nicht so, wie das in Deinem letzten Satz den Anschein wecken könnte. Es bezog sich auf das Vertrauen in ihre Arbeit. „Wenn ich schon nicht an mein Werk glauben würde, warum sollte es dann jemand anderes tun?“ Für mich also ein gesundes Maß.

  3. Tanja schreibt:

    Danke dir, das ist lieb! Ja meine Cousine ist jung und nichtsdestotrotz ist sie sehr lebensfroh und bestreitet ihren Weg. Ich zum Beispiel habe nur einmal mit ihr darüber gesprochen, danach nie wieder. Denn wenn der nächste Schub kommt, ist man eh down. Also warum sich die ganze Zeit nur noch damit beschäftigen.? Seitdem interessiere ich mich natürlich für die MS Forschung und hoffe. Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Ich mag deine Wortlandschaften und die Passage hab ich genauso aufgefasst, wie sie von dir gemeint ist. „Jeder ist etwas ganz Besonderes!“ – und Frau Sontag sah das gewiss genauso. Ich antwortete Themenbezogen und nicht persönlich. Mach dir keine Sorgen!😉
    Manchmal gehen einfach meine Gedanken mit mir durch. Ich schreibe kreuz und quer. Die die mich kennen, wissen meine Gedanken einzuordnen. Es tut mir leid, wenn ich für Verwirrung sorgte.

    • wortlandschaften schreibt:

      Man darf sich nicht unterkriegen lassen, das trifft auf so viele Bereiche im Leben zu (und ist leichter gesagt als getan). Ich kann mir vorstellen, dass sich Deine Cousine einen „normalen“ Umgang wünscht. Ich hoffe für Euch, dass sie vom Schwersten verschont bleibt (ohne mich da auszukennen)!
      Und alles bestens, es gibt keine Verwirrung, ich bin nur vorsichtig und wollte sicher gehen, dass bei diesem doch heiklen Thema (zumindest im besagten Punkt), nicht ein falscher Eindruck entsteht.

      Schön übrigens, dass Du Dir die Zeit für diesen Austausch genommen hast und danke auch für die lieben Worte. Ich wünsche Euch ein schönes Osterwochenende!

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