Impressionen von der lit.COLOGNE


Ende letzten Jahres schon hatte ich mir Karten für Lesungen der lit.COLOGNE genehmigt. Damals war ein beachtlicher Teil der Veranstaltungen bereits ausverkauft. Das Programm ist breit gefächert, so dass ich dennoch keine Schwierigkeiten hatte, mir vier Lesungen raus zu picken. Nun schlummerten die Tickets monatelang auf der Festplatte und ich sah keine Veranlassung, sie frühzeitig zu wecken. Sonntagvormittag wollte ich die Tickets dann aber doch drucken, denn am Abend würde eines ja benötigt. In dem beruhigenden Wissen, erst eine neue Patrone in den Drucker eingesetzt zu haben, war ich auf Murphys Gesetz nicht vorbereitet. Blinkende Lichtlein ließen mich wissen, dass das Gerät noch nicht bereit war und wie sich herausstellen sollte, nie sein würde. Da half alles Drohen und Fluchen nichts. Der Sonntag scheint wohl für alte Drucker noch heilig.
Geschieht Dir recht! Warum hast Du nur wieder bis kurz vor knapp warten müssen? Und jetzt? Nachbarn…erster Gedanke, letzte Option. Zweiter Gedanke „Internetcafé“ – muss doch auch am Sonntag geöffnet haben. Es fand sich schließlich recht schnell eines, wo ich mein Ticket ausdrucken und mich erleichtert endlich auf die Lesung freuen konnte, der ich am meisten entgegenfieberte.

Melinda Nadj Abonji trifft Marica Bodrožić in der Mitte Europas

Die Lesung fand in der ausverkauften Kulturkirche Köln in Nippes statt und wurde von Ferdos Forudastan moderiert, die sich, wie man erfuhr, selbst mit dem Thema Migration und Integration intensiver beschäftigt hatte. Melinda Nadj Abonji begann ihre Lesung mit dem ersten Kapitel aus „Tauben fliegen auf“. Die reiche Sprache, die in langen Sätzen zu Beginn die Liebe zur Landschaft ausdrückt, den Pappeln und der Luft dazwischen, hat mir sehr imponiert. Passagen in denen es darum geht, wer den besseren Quark hat, in denen schwitzerdütsche Begriffe fallen, sorgten für Erheiterung. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass das Buch seine Geschichte mit viel Witz erzählt.
Marica Bodrožićs Sprache habe ich in meiner Rezension ihres Buches schon hoch gelobt. Es war eine Freude, ihrer Lesung zu folgen. Sie strahlt eine Ruhe aus, die etwas Beruhigendes an sich hat. Beiden Autorinnen könnte ich stundenlang ihren Ausführungen zu den Themen ihrer Bücher lauschen, über die sie in kluger und bildhafter Sprache berichteten. Über die Liebe zu schreiben sei wie Gehen lernen, sagt Marica Bodrožić. Ein Grund, warum sie sich fünf Jahre Zeit nahm, an ihrem Roman zu schreiben.

Die besondere Bedeutung, mit denen Fußnoten seit kurzem konnotiert sind, konnte Frau Bodrožić damals nicht ahnen. Nur so lässt sich die eigentlich völlig unpassende Reaktion der Zuhörer, meine Wenigkeit inklusive, erklären, die sich in deutlich hörbarem Schmunzeln äußerte. Ilja wird im Buch des Öfteren als jemand beschrieben, der sich gerne mal bei anderen bedient, um Nadeshda etwas zu sagen. So zum Beispiel bei einem Song von Amy Winehouse, was er jedoch nicht für nötig hält aufzuklären. Sinngemäß kommt dann ein Satz ins Spiel, der die Wichtigkeit von Fußnoten herausstellt. Von der belustigten Unruhe kurzzeitig irritiert musste auch Frau Bodrožić lachen.

Von ihrer beider Kindheit und persönlichen, negativen Erlebnissen, die sie in ihrer neuen Heimat machten, erzählten die Autorinnen. So wurde Melinda Nadj Abonji als Kind bei einer Schulaufführung von „Schneewittchen“ als Tannenbaum verkleidet – ein Baum kann ja nicht sprechen. Die Lehrerin dachte wohl, sie würde ihr damit einen Gefallen tun, da sie mitmachen durfte, doch Melinda ist dadurch tief getroffen, zum Stummsein verdammt. Frau Nadj Abonji sprach davon, was es in ihr auslöste. Ferner, dass die Kinder von Einwanderern oftmals auch für die Eltern die fremde Sprache schneller lernen mussten, um bei bürokratischen Erledigungen zu helfen. Zudem fehlte den Eltern nicht selten die Zeit, einen Sprachkurs zu besuchen, vor allem wenn sie mehrere Kinder zu versorgen hatten. Aber sie liebte die sprachlichen Fehler ihrer Eltern.
Marica Bodrožić erinnerte sich an eine Lehrerin, der sie bis heute nicht ganz verziehen habe, was sie mit einem Lächeln sagte. Als Kind habe sie gerne rote Kleidung getragen. Alles musste rot sein. Besagte Lehrerin nahm die Unterschiede in der Kleidung nicht wahr und dachte, sie sei so arm, dass sie jeden Tag dasselbe angehabt hätte. Sie erzählte auch von einer Einsamkeit (ich weiß nicht mehr, ob bedingt durch die anfängliche Sprachlosigkeit), durch die sie lernte, ihre Umgebung zu (er-)spüren, die Wahrheit der Worte, die jemand von sich gibt.

Die Freunde der Literatur Marica Bodrožićs dürfte es freuen zu hören, dass „Das Gedächtnis der Libellen“ den Beginn einer Trilogie darstellt. Ilja käme dabei auch nicht zu kurz, spätestens zum Abschluss der Trilogie stünde er im Mittelpunkt.

Knappe zwei Stunden mit zwei faszinierenden Menschen vergingen wie im Flug. Am Ende hatte man noch die Möglichkeit sich die Bücher von den beiden Autorinnen signieren zu lassen, die ich mir nicht entgehen ließ. Leider hatte ich „Das Gedächtnis der Libellen“ nicht in Köln, so dass ich mir „Tito ist tot“ und „Ein Kolibri kam unverwandelt“ signieren ließ, die ich vorsorglich schon eingepackt hatte. Gerne hätte ich Frau Bodrožić gesagt, wie viel mir ihr neuester Roman persönlich bedeutete, aber das wäre in ein bis zwei Sätzen nicht möglich gewesen. Für ihren tollen Roman habe ich mich natürlich bedankt. „Tauben fliegen auf“ habe ich mir vor Ort gekauft und auch mit einer persönlichen Widmung versehen lassen. Ein schöner Abend, an den ich mich gerne erinnern werde.

Ich hoffe, ich habe die Anekdoten sinngemäß wiedergegeben. Am 16. Juni wird die Aufzeichnung der Veranstaltung im WDR 3 um 23:05 Uhr ausgestrahlt.

PS: Ein fehlerhafter Kontakt an der Patrone war der Grund, weshalb mein Drucker seinen Dienst verweigerte.

Weiterführende Links:
Die lit.Cologne im Netz

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6 Antworten zu Impressionen von der lit.COLOGNE

  1. vielleichtsagerin schreibt:

    köln und leipzig sind beide leider für mich zu weit weg, um ohne viel rumorganisieren die messen besuchen zu können. da ich menschenaufläufe nd lärm grundsätzlich nicht mag, hat die bücherlust bislang nicht obsiegen können🙂

    „tauben fliegen auf“ habe ich gelesen und war ein bisschen enttäuscht. als gebürtige serbin habe ich mir irgendwie mehr versprochen. was genau, das weiß ich bis heute nicht. aber etwas anderes als das, was abonji – in zugegeben sehr intensiver und bildreicher sprache – dem leser episodenhaft serviert. ihre geschichten erschienen mir richtungs- und fazitlos. die fragen, die sie aufwirft, nämlich nach geographischen grenzen und identitäten, nach gewalt als anthropologischer konstante, lässt sie unbeantwortet. möglicherweise haben sich in meinem speziellen fall aber auch nur die erinnerungen zu sehr in das romangeschehen, das wiederum auf erinnerungen der autorin basiert, eingemischt … wirst du das buch lesen?

    • wortlandschaften schreibt:

      Grundsätzlich mag ich die Ruhe auch lieber. Die lit.Cologne findet über das ganze Stadtgebiet verstreut statt, in Theatern, dem Schauspielhaus, der Oper, auf Literaturschiffen auf dem Rhein, in der Kirche, im Literaturinstitut, Hörsaal der Uni, Sälen des WDR usw. Je nachdem wie die Kapazität ist, dementsprechend groß ist der Andrang, in der Kulturkirche sicherlich mehr als beim regulären Gottesdienst, witzelten auch die Veranstalter. Es ist also kein großer Unterschied zu Kino, Theater oder anderen Orten an denen sich Menschen in der Freizeit versammeln. Da habe ich Messen bisher als anderes Kaliber wahrgenommen.

      Mich haben die Sprache und der Vortrag gleich gepackt, so dass ich das Buch gerne lesen wollte und natürlich auch werde, sonst hätte ich es mir nicht gekauft😉
      Persönliche Erfahrungen spielen wahrscheinlich immer irgendwie eine Rolle, wie man ein Buch aufnimmt. Vielleicht hast Du eine größere Schnittmenge mit eigenen Erinnerungen erwartet, da es Überschneidungen in euren Biografien gibt. Oder Dich haben, wie Du schreibst, Deine Gedanken aus der Geschichte geworfen. Womöglich bist Du auch einfach mit der Geschichte an sich nicht so warm geworden. Die Frage wirst Du Dir nur selbst beantworten können, oder auch nicht.
      Ich hoffe, dass mir das Buch gefällt und werde in jedem Fall hier darüber berichten. Das wird jedoch noch eine Weile dauern, da ich gerade einen dicken Wälzer lese.

  2. Ada Mitsou schreibt:

    Wie schön, dass du darüber berichtest! Köln ist zwar gar nicht so weit weg, aber ich bin auch kein großer Freund solcher Veranstaltungen (eher wegen des Andrangs als der Sache an sich). Auf diesem Wege kann ich trotzdem dabei sein und ich habe deinen Bericht sehr gerne gelesen (und der Ausstrahlungstermin ist vorgemerkt). Vielen Dank für den schönen Einblick!

    • wortlandschaften schreibt:

      Wie schon geschrieben, schließe ich mich euch grundsätzlich an, was Gedränge und Lärm betrifft. Allerdings bin ich da manchmal etwas hin und hergerissen. Momentan bin ich wirklich sehr froh, dass ich mir die Karten zu Weihnachten gekauft hatte. Zum einen waren die Veranstaltungen bisher sehr interessant und lohnenswert, zum anderen kann ich die Zerstreuung und auch ein bisschen Rummel, der sich wirklich sehr in Grenzen hält, wirklich gut gebrauchen. Die gestrige Veranstaltung in der Schlosserei war schon fast als im kleinen Kreis zu bezeichnen. Mit geschätzt um die hundert Menschen war die Veranstaltung voll. Ich werde über die übrigen Lesungen auch noch ein paar Zeilen schreiben, 3 von 4 sind schon vorbei.

      Viele Grüße

  3. muetzenfalterin schreibt:

    Eine sehr lebendige und informative Berichterstattung, ich bin froh, dass Du mich darauf hingewiesen hast. Schade, dass ich selbst nicht dabei war. Was Dein Angebot den Mitschnitt betreffend angeht, würde ich gerne davon Gebrauch machen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir den Mitschnitt zukommen lassen könntest.
    Herzlich
    die Mützenfalterin

    • wortlandschaften schreibt:

      Danke und gerne. Das waren schöne Abende letztes Jahr. Dieses Jahr weiß ich nicht, ob ich die Zeit habe und spontan ist oft nicht viel möglich, denn dann sind die interessantesten Lesungen schon ausverkauft. Ich denke, es wird eher nichts werden.
      Ich habe Dir eine Mail geschrieben, wegen des Mitschnitts, ich hoffe, es hat funktioniert.

      Viele Grüße
      wortlandschaften

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