Gaétan Soucy: Die Unbefleckte Empfängnis

Ein verheerendes Feuer in der Kneipe Grill aux Alouettes ist Ausgangspunkt der Geschichte, in deren Mittelpunkt Remouald Tremblay, ein hochgewachsener Bankangestellter von dreiunddreißig Jahren, steht. Er kümmert sich um seinen herrischen Vater Séraphon, der im Rollstuhl sitzt und den er dreimal die Woche ausfährt. Eines Abends besteht Séraphon darauf, von Remouald durch die Ruinen des Grill aux Alouettes gefahren zu werden. Der kleine Ausflug, bei dem Remouald einen winzigen Gegenstand einsteckt, ein paar Kinder beobachtet und plötzlich mit seinem Vater verstört und Hals über Kopf aus den Trümmern der Kneipe flüchtet, löst eine Lawine an Ereignissen aus, die nicht mehr aufzuhalten sind.

„Die Unbefleckte Empfängnis“ ist der Debütroman Gaetan Soucys und das erste Werk der sogenannten „Tetralogie des Verzeihens“, wurde in deutscher Sprache aber erst nach „Die Vergebung“ veröffentlicht. Es sind völlig eigenständige Romane, die ähnliche Themen und existentielle Fragestellungen menschlichen Lebens behandeln. Schuld und Sühne waren zentrale Motive in dem relativ kurzen, aber dennoch sehr komplexen Roman „Die Vergebung“, der rückblickend in Form und Stil eine konsequente Weiterentwicklung oder vielleicht auch ein auf-die-Spitze-treiben einzelner Elemente seines Erstlings ist. So zum Beispiel der Widerspruch aus Sein und Schein, der auf den ersten Seiten bereits auf faszinierende Weise irritiert. Da wird aus dem Vater auf einmal die Mutter, im selben Moment das scheinbare Missverständnis bereinigt. Jedoch nicht völlig („Frau Vater“), ein Rest von Zweifel schwingt fortan mit, der immer dann wieder befeuert wird, wenn man ihn vergessen glaubt.

Neben Schuld und Sühne, spielen in „Die Unbefleckte Empfängnis“ unter anderem Tod, Liebe, (fehlgeleitete und auch unterdrückte) Sexualität, die Macht der Erinnerung, Kindheit und gesellschaftliche Zwänge eine große Rolle, verkörpert in einer Reihe sonderbarer Figuren, von denen keine durchweg sympathisch erscheint, deren Schicksal, Sehnsüchte und Eigentümlichkeiten sie jedoch hochgradig interessant machen und die alle untereinander mehr oder weniger durch die Geschichte verbunden sind. Widersprüchliche, doppelbödige und schwer durchschaubare Charaktere, bieten den perfekten Nährboden für eine geheimnisvolle Spannung, die bis zum Äußersten getrieben wird. Es entwickelt sich eine Sogwirkung, der man sich irgendwann nicht mehr entziehen kann.

Sprachlich beeindruckt das Bildgewaltige und Poetische, das dieser an tiefen Abgründen menschlicher Seelen nicht armen Geschichte, innewohnt:

„In den Pfützen spiegelte sich der Himmel, und Remouald dachte an die Wolken, diese Wassermassen, die wie Schiffe im Azur hingen. Die ausgetrocknete Erde würde den Regen trinken, die Blätter der Bäume ein paar Tropfen zurückbehalten, und genau das war es, was man tun musste: vereinen, was unten und was oben war, Erde und Himmel. Das war es, wozu zwei sich liebende Geister fähig wären, die vom selben Wasser, von derselben Quelle über ihnen tranken und die wärmende Nahrung des Lichtes wie ein Brot teilten. Remouald hörte sein Herz klopfen. Er meinte zu spüren, dass das Glück nahe war, dass es ihn launenhaft umflatterte und er sich nur im richtigen Moment zur Seite drehen musste, um es zu erhaschen. Er würde noch lernen, dass die gefährlichsten Bitten verhängnisvollerweise erhört werden und dass ein Hase, der unschuldig durch den Schnee läuft, nie den schwebenden Schatten des Sperbers hinter sich sieht, der ihn verfolgt.“

Trotz der sich abzeichnenden Abgründe, die einen erschaudern lassen, des Leids und dessen Gewichtes, an dem die Figuren unterschiedlich schwer zu tragen haben, bietet das Buch genug Möglichkeiten, herzhaft zu lachen. (Der groteske Auftritt der kleinen, taubstummen Sarah in der Metzgerei hatte sich wahrlich nicht angekündigt.)

Neben den eigentümlichen Figuren und der Sprache, speist sich die Faszination und vor allem die Spannung des Romans auch aus seiner narrativen Struktur. Zwar steht Remouald im Zentrum der Geschichte, die aber laufend unterbrochen wird, um beispielsweise die Geschichte der einsamen Lehrerin Clémentine Clément zu erzählen, die Remouald von ihrem Fenster aus an besagtem Abend beobachtet hat. Durch sie wird nicht nur die Geschichte erweitert, sondern werden weitere Blickwinkel auf verschiedene Figuren geboten, die dadurch vielschichtiger aber eben auch schwerer einschätzbar werden. Mit einer Vielzahl an Perspektivwechseln, Rückblenden, teils über eine Generation hinweg, in die Kindheit einzelner Figuren, mittels Briefen und Tagebucheinträgen, die gefunden werden, setzt sich aus diesen Puzzleteilen ein Bild zusammen, das bis zum Schluss rätselhaft bleibt. Fragt man sich zwischendurch, ob alle ausgelegten Erzählstränge wieder aufgenommen und zu Ende geführt werden, kann man am Ende nur verblüfft den Hut ziehen, auf welch filigrane Weise, mit der Virtuosität eines Marionettenspielers, Gaétan Soucy alle Handlungsfäden fest in den Händen hat, auch wenn der ein oder andere für längere Zeit ruhen muss. Er ist ihm nicht entglitten.

Die Aufmerksamkeit des Lesers wird dabei gefordert, denn kleine Details enthüllen z.B. eine vorangegangene Begegnung mit einer Figur. Dies geschieht subtil, aber dennoch so bestimmt, dass man sie nicht überlesen sollte. Die Häufigkeit, mit der bestimmte Dinge in den Mittelpunkt gerückt werden, ist ein weiteres Indiz für ihre Wichtigkeit im Verlaufe der Geschichte. Dass Selbige immer dann, wenn man glaubt ihrer Lösung auf die Schliche gekommen zu sein, eine Wendung erfährt, die einem den Boden unter den Füßen entzieht, steigert die Spannung gegen Ende fast ins Unerträgliche. Aber es ist doch viel schöner, auf so geheimnisvolle Art in die Irre geführt zu werden, als sich gleich in seiner ersten Vermutung bestätigt zu sehen. Ich muss gestehen, dass mir ganz am Ende ein Detail fast entgangen wäre, das der Geschichte die Krone aufsetzt. Es handelt sich um ein Datum.

Das Buch arbeitet im Kopf nach und die Zukunft einzelner Figuren, die man sich mit dem Ende des Buches einfach ausmalen muss, ließ mich auch bestürzt zurück. Der zeitliche Rahmen des Romans ist nicht in Jahreszahlen angegeben, lässt sich aber durch die genauen Beschreibungen und Beobachtungen, wie einen von Pferden gezogenen Löschwagen, in etwa eingrenzen. Wie sein späterer Roman, sind Montreal und Saint-Aldor Schauplatz der Geschehnisse. In beiden Romanen trägt jeweils eine unbedeutende Randfigur den Namen „Soucy“. Ob der Autor sich so auch namentlich in der Geschichte verewigen wollte, wie Hitchcock, der in seinen Filmen ganz kurz in Erscheinung trat?

Als „Meisterwerk der Irritation“ wird Gaétan Soucys Roman im Umschlag bezeichnet. Trotz der teils inflationären Verwendung des Begriffs Meisterwerk möchte ich mich, auf beide mir bekannten Romane bezogen, unbedingt anschließen.

Gaétan Soucy
Die Unbefleckte Empfängnis
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010
ISBN-13 9783882215304
Gebunden, 331 Seiten, 22,90 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Hörprobe

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