Emily Hahn: Shanghai Magie. Reportagen aus dem New Yorker

Micky, wie Emily Hahn von Familie und Freunden genannt wird, wollte eigentlich Bildhauerin werden, doch als sie sich neben dem Kunststudium auch für das Ingenieurwesen einschreiben will und mit der Begründung, „Frauen besäßen kein Verständnis für mathematische und mechanische Zusammenhänge“ abgelehnt wird, tritt sie an, das Gegenteil zu beweisen und macht 1926 als erste Frau einen Abschluss in Bergbautechnik. Sie selbst sagte einmal, Lindberghs Alleinüberquerung des Atlantiks 1927 habe sie inspiriert, frei zu sein. Abenteurerin war sie zu diesem Zeitpunkt bereits, als sie im Alter von 19 Jahren, in Begleitung einer Freundin, mit dem Auto 2400 Meilen durch die Vereinigten Staaten fuhr – als Mann verkleidet. 1928 beginnt sie ein Literaturstudium und beschließt Autorin zu werden. Im Jahr darauf schreibt sie bereits für den New Yorker. 1930 geht sie für das Rote Kreuz nach Belgisch-Kongo, wo sie zwei Jahre in einer Holzhütte bei einem Pygmäenvolk verbringt. 1935 kommt die dreißigjährige Emily Hahn mit ihrer älteren Schwester Helen nach Shanghai, auch um über eine gescheiterte Beziehung hinwegzukommen. „Ich würde für immer bleiben“, das sei ihr seit ihrem ersten Tag in China klar gewesen, schreibt Emily.

Das Vorwort, bereichert mit schönen Schwarzweißfotografien, gibt bereits einen wunderbaren Einblick in das bewegte Leben der Emily Hahn, aus dem ich nur ein paar Eckpunkte herausgepickt habe, die versuchen sollen, ein erstes Bild dieser faszinierenden Persönlichkeit zu skizzieren. Insgesamt elf Reportagen von Emily Hahn, die 1937, 1938 und 1941 in The New Yorker erschienen, finden sich in diesem Buch.

Emily Hahn fesselte mich mit ihren Reportagen, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Sie erzählt ihre aufregenden Geschichten nicht nur mitreißend und spannend, sondern auf ungeheuer sympathische Weise, weil sie mir in den Texten als ein sehr offenherziger und aufgeschlossener Mensch erschien. Das äußerte sich zum Beispiel in dem Verständnis für die chinesische Art, Dinge zu klären, über das sie mehrfach zu berichten weiß.

Ferner spricht aus den Texten die pure Lebensfreude. „Trotz unruhiger Zeiten sprühen ihre Reportagen für den New Yorker vor Lebenslust, sind heiter und leicht wie Musik“, heißt es auf dem Klappentext. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Mit den „unruhigen Zeiten“ sind der Japanisch-Chinesische Krieg und dessen Vorboten gemeint. Dennoch, bei all der Dramatik wohnt den Texten eine angenehme Ruhe inne, die ich schwer beschreiben kann und die womöglich an ihrem klaren Blick, auch in brenzligen Situationen, liegt. Beeindruckendes Beispiel: „Einmal Nanking und Retour“.

„Eigentlich wollte ich schon immer Opium rauchen, doch ich will nicht behaupten, dass dies der Grund war, weshalb ich nach China ging.“ Mit diesen Worten beginnt die atemberaubende Reportage „The Big Smoke“, die von Emily Hahns entdeckter Leidenschaft für das Opiumrauchen handelt. Sie beschreibt das Gefühl der Gelassen- und Zufriedenheit, das ihr der Genuss der Opiumpfeife verschaffte und wie sie sich eines Tages eingestehen musste, abhängig geworden zu sein. Das ist auf der einen Seite sehr faszinierend, auf der anderen wieder sehr reflektiert erzählt, auf die Schattenseiten übergehend – alles ohne großes Drama. Mittels Hypnose gelang es ihr, die Sucht zu überwinden.

"Entweder man hat Gibbons im Blut oder nicht" Emily Hahn mit Mr. Mills und Junior, 1938 © Privatarchiv Familie Shao Xunmei

Emily Hahn bringt die Magie, die die pulsierende Metropole Shanghai  verströmte, zum Ausdruck. Ihre Person hat mich jedoch mindestens genauso verzaubert und mich mit ehrlicher, tiefer Bewunderung zurückgelassen. Für mich ist das Buch eine Entdeckung, die mein Interesse an Shanghai, aber auch an Emily Hahn weckte. Sie schrieb insgesamt 52 Bücher, es mangelt also nicht an Stoff für weitere literarische Begegnungen. Ich freue mich darauf!

Emily Hahn
Shanghai Magie. Reportagen aus dem New Yorker
edition ebersbach, Berlin 2009
ISBN-13 9783938740897
Gebunden, 164 Seiten, 19,80 EUR

Weiterführende Links:
Link zum Verlag + Leseprobe
Archiv des New Yorker
(Abstracts und Cover können angesehen werden, für Volltexte ist eine Subskription nötig)
Virtual Shanghai
(enthält viele tolle Fotoalben mit Bildern des alten Shanghai)
The Tigerhouse Party – The Last Days Of The Maharajas
(Als kostenloses E-Book oder in anderen Formaten, über das Internet Archive)

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3 Antworten zu Emily Hahn: Shanghai Magie. Reportagen aus dem New Yorker

  1. vielleichtsagerin schreibt:

    ich stehe sowas auf bücher wie diese:-) vielen dank!

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Vielleichtsagerin,

      Ich merke gerade, dass ich es nicht so mit Zahlen habe. Im Alter von 25 Jahren wäre sie im Jahr 1930 durch die USA mit dem Auto gefahren, was dann auch deutlich nach Lindberghs Flug gewesen wäre. Da bin ich irgendwie durcheinander gekommen. Es war 1924, wie dem Nachruf der New York Times zu entnehmen ist. Im Buch ist meines Wissens kein genauer Zeitraum angegeben und da es mich interessierte, hab ich danach gesucht und mich beim Aufschreiben glatt vertan. Ich habe es jetzt verbessert (und hoffe, dass das in etwa stimmt). Ich wollte nicht Jahreszahl an Jahreszahl hängen…

      Ich hatte mich schon auf spannende Reiseberichte gefreut, aber dass ich sie so verschlingen würde, hatte ich nicht gedacht. Diese Frau und ihre Texte sind wirklich etwas Besonderes und ich weiß nicht, ob das so gut rüberkommt. Am besten wird es sein, sich selbst ein Bild zu machen: „Einmal Nanking und Retour“ habe ich auf dieser schönen Webseite gefunden. Der Link zum Album ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

  2. vielleichtsagerin schreibt:

    welch ein erschütternder bericht … die fotos taten ihr übriges. dennoch ist ihr bericht so sachlich, präzise und stringent. sehr schön!

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