Olja Savičević: Augustschnee


Kurzgeschichten seien wie flüchtige Begegnungen, man habe sie nur allzu schnell wieder vergessen. So lautet ein Vorurteil, mit dem der kurzen Form der Prosa gerne aus dem Weg gegangen wird. Auf wenigen Seiten den Leser in Beschlag zu nehmen, ist eine Kunst. Olja Savičević gelingt das mit ihrem Erzählband „Augustschnee“ scheinbar spielerisch und mühelos. Ihre 22 Kurzgeschichten, auf 123 Seiten erzählt, sind ein von Kreativität und Vielfalt sprühendes Sammelsurium, in dem sich das ein oder andere Kleinod findet. So zum Beispiel die zu Herzen gehende, titelgebende Erzählung „Augustschnee“, in der eine junge Frau einen Knoten – „meine Schrotkugel, die mir jemand Unsichtbares in die Brust geschossen hatte, als ich schlief“ – entdeckt und nicht zum Arzt geht.

Olja Savičević erzählt vom Leben und Tod, der ersten Liebe, Liebeskummer, Sehnsucht, Kindheit und Erwachsenwerden, Scheidungskindern, Träumen, Städten und Dörfern, Hunden, Alkoholikern und Junkies und vielem mehr. Geschickt wechselt sie manchmal in den Erzählungen die Perspektive. Viele Geschichten ließen mich mit einem Schmunzeln auf den Lippen zurück, wie die der kleinen Marica, die mit ihrem elektrischen Bobbycar nach Australien aufbricht und mit Fantasie auch dort ankommt. Bezeichnenderweise nennt sich die Geschichte „Aus der Kindheit eines Regisseurs von Roadmovies“. Feinfühlig beschreibt Savičević in „Schöner Hunger“ die Welt einer Magersüchtigen. Tollkühn und skurril ist die Erzählung „Der Sklave“, in der so manches tradierte Rollenbild der Geschlechter endgültig ausgedient hat. In einer anderen Erzählung führen Liebesbriefe als Auftragsarbeiten zu so mancher Verwirrung, ein wunderbar kurzweiliger und erheiternder Schwank.

Olja Savičević beweist mit ihrem erfrischenden Erzählband, dass es möglich ist, auf wenigen Seiten, mal luftig leicht, mal traurig, aber vor allem einfühlsam, große „kleine“ Geschichten zu erzählen, deren Echo nicht zwingend mit dem Zuklappen des Buches verklungen ist. In „Augustschnee“ sollte sich für jeden Geschmack etwas finden, die Vielseitigkeit der Geschichten, die sich auch in der Sprache niederschlägt, ist bemerkenswert. Dem Buch liegt eine Audio-CD bei, auf der drei Erzählungen von Franziska Melzer vorgelesen werden.

Olja Savičević wurde 1974 in Split geboren. Sie studierte Sprach- und Literaturwissenschaft. Im März dieses Jahres wird beim gleichen Verlag ihr erster Roman „Lebt wohl, Cowboys“ veröffentlicht.

Olja Savičević
Augustschnee
Voland & Quist Verlag, Dresden und Leipzig 2008
ISBN-13 9783938424285
Gebunden, 123 Seiten, 17,90 EUR

Dieser Erzählband ist der Beitrag für den Februar in der „Werde Entdecker!“–Challenge von Bibliophilin & Ailis.

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Lese- und Hörprobe

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12 Antworten zu Olja Savičević: Augustschnee

  1. Bibliophilin schreibt:

    Wunderbare Entdeckung! Deine Rezension macht wirklich Lust, in die Kurzgeschichten einzutauchen. Danke schön!

    • wortlandschaften schreibt:

      Freut mich! Die Kurzgeschichten waren genau das Richtige für die vergangenen Tage. Ich hoffe, die kommenden Wochen werden wieder etwas produktiver, was das Lesen angeht.

      Bei Voland & Quist sind übrigens weitere, vielversprechende Titel aus Kroatien erschienen. Einige der Titel wurden mir schon wärmstens empfohlen, so kommt in diesem Jahr sicher noch was zu Edo Popović.

  2. Svenja schreibt:

    Da kann ich Bibliophilin nur zustimmen. Die Rezension macht neugierig und Lust auf mehr! Auch das Cover finde ich ganz besonders schön, ebenso, dass eine CD beiliegt, gefällt mir gut🙂

    Lieben Gruß,
    Svenja

    • wortlandschaften schreibt:

      Vielen Dank auch für Deine Rückmeldung. Ich finde das Buch rundum gelungen. Vielen Büchern aus diesem Verlag liegen übrigens CDs bei. Ich muss allerdings gestehen, dass ich bisher nur mal kurz in Augustschnee reingehört habe, weil ich die Geschichten erst lesen wollte.

      Lieben Gruß zurück.

  3. Ailis schreibt:

    Ach, ich liebe Kurzgeschichten und danke dir sehr für diesen Tipp!🙂

  4. klappentexterin schreibt:

    Da hast du wieder eine ungewöhliche Perle aufgelesen… Vielen Dank!

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

  5. synaesthetisch schreibt:

    Dabke für diese Rezension und die Links. Mein Geldbeutel zittert schon, aber es hilft ja nichts😉

  6. wortlandschaften schreibt:

    Schön, dass ihr Lust bekommen habt.
    @ Ailis: Ja, ich auch. Wobei ich das gerne auf viele Formen kurzer Texte erweitern möchte. Da kommt demnächst wieder ein kleiner Bericht zu einem Buch, das mich gerade begeistert!
    @ Klappentexterin: Das Buch hätte auch gut in Deine Reihe „Junge Literatur“ gepasst.
    @ Synaesthetisch: Das liebe Geld. Man muss ja nicht alles immer gleich kaufen, es gibt ja noch Bibliotheken. Auf die meisten Anregungen komme ich später, wenn überhaupt, zurück. Ich hab es ja schon in den Kommentaren zum vorherigen Artikel ein bisschen beschrieben. „Augustschnee“ habe ich mir übrigens auch nicht neu, sondern antiquarisch gekauft, weil ich momentan nicht so viel auf der hohen Kante habe.

  7. synaesthetisch schreibt:

    Die meisten Bücher kaufe ich ohnehin nicht neu. Aber im Moment ist für mich jede Ausgabe, egal wie klein, doch recht schmerzlich.

  8. Mariki schreibt:

    Hm. Ich bin so gar kein Freund von Kurzgeschichten. Aber deine Begeisterung ist irgendwie ansteckend…

    • wortlandschaften schreibt:

      Nicht die besten Voraussetzungen. Vielleicht hilft Dir ja die Leseprobe weiter, gebraucht gibt es das Buch schon sehr günstig. Außerdem muss man ja nicht alles mögen. Mir haben die Geschichten großen Spass gemacht.

      Wenn ich mir nicht immer mal wieder gebrauchte Bücher oder Mängelexemplare kaufen würde, hätte ich sicherlich viel weniger Auswahl zu lesen.

  9. Pingback: Der untergehenden Sonne entgegen | wortlandschaften

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