Djuna Barnes: Im Dunkeln gehn. Briefe an Emily Coleman

Djuna Barnes wird am 12. Juni 1892 in Cornwall-on-Hudson, New York, geboren. 1911 geht sie nach New York und beginnt eine Ausbildung im Zeichnen und Malen. Im darauf folgenden Jahr beteiligt sie sich regelmäßig journalistisch an Tageszeitungen und kleinen Magazinen indem sie Reportagen, Interviews und Illustrationen beisteuert und zieht aus der Bronx ins Greenwich Village. Außerdem schreibt Djuna Barnes Gedichte. 1915 werden mit „The Book of Repulsive Women“ acht ihrer Gedichte zusammen mit fünf Zeichnungen veröffentlicht. Vier Jahre später zieht es sie nach Paris, wo sie 1925 Emily Coleman (* 1899 in Oakland, Kalifornien) begegnet. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft sein.

„Im Dunkeln gehn“ versammelt eine Auswahl an Briefen Djuna Barnes an Emily Coleman aus den Jahren 1934 bis 1938.

Der erste Brief des Bandes wurde aus New York geschrieben und datiert auf den 8. Februar 1934. Der Tod eines guten Freundes, John Holms, dessen Herz unter Narkose aufhörte zu schlagen, machte dem Freundeskreis, darunter auch Barnes, schwer zu schaffen. Die Lücke, die er hinterließ, spricht aus vielen Briefen. Holms trank viel, was in Verbindung mit der Narkose wohl sein Untergang war.

Der Titel des Bandes geht auf Elsa von Freytag-Loringhoven zurück, deren Nachlass Barnes erbte und von der sie sagte, dass sie vom „Im Dunkeln gehen“ mehr als die meisten verstünde. Trauer und Schwermut ziehen sich durch weitere Briefe, aber auch die Schwierigkeit etwas zu verkaufen, einhergehend mit Selbstzweifeln. „Die Zustände in der literarischen Welt hierzulande sind entsetzlich; es kommen nur noch Sachen von der Art Erskine Caldwells an – gesucht wird krasse, brutale Literatur – rasant und blutig. Die Bürger sind „Leergut“. (…) Viele reden davon kein Geld zu haben, und manche haben es in rauen Mengen. Man hängt zu oft in den schicken Kneipen herum und redet und redet, über nichts. Der einzige Mensch, den ich ertrage, ist Peter Neagoe (….).“ Die Liebe zu Peter Neagoe, einem verheirateten Mann, den Barnes „Muffin“ nennt, ist lange Zeit ein Thema in den Briefen an Emily. Ebenso die Arbeit an ihrem neuesten Roman „Nachtgewächs“, der aus einer früheren Beziehung zu Thelma Wood entsteht. Emily wird immer auf dem Neuesten gehalten und erhält regelmäßig Manuskripte, im Gegenzug liest Djuna Emilys Werke.

Am 24. Juli 1935 schreibt Djuna in einem Brief „Falls nach allem, was gewesen ist, niemand es [das Buch] haben will, werde ich mich umbringen, daran besteht kein Zweifel, ich könnte es nicht ertragen.“ Gedanken an Selbstmord finden sich in den Briefen immer wieder, wenngleich sie aus dem Kontext nicht immer akut erscheinen, sondern ab und an nebenbei fallen gelassen werden um sich im nächsten Satz wieder der Arbeit oder anderen Themen zu widmen. Ihr Heimatland scheint Barnes nicht glücklich zu machen („Ich fühle mich in diesem Land absolut elend und Muffin ebenso, was also tun wir noch hier?“). Sehr bewegt hat mich Barnes‘ Brief vom 20. September 1935. Emily hat sie in einem Brief „unerträglich introvertiert“ genannt, dem Djuna in ihrer Antwort zustimmt. „Ich spreche buchstäblich kaum 10 laute Worte am Tag. Ich sehe fast niemanden, ich gehe nicht aus. (…) Ich wünschte, ich könnte in einem Kloster leben, oder mit den wenigen Leuten, die ich liebe, auf einer verlassenen Insel, und es wären verdammt wenige, und die Hälfte von ihnen würde auf der anderen Seite der Insel bei Laune gehalten werden müssen.“ Dennoch schreibt sie, dass sie ganz zufrieden sei „allein hier in meinem Zimmer“. Einsam und allein sind eben zwei Paar Stiefel.

Barnes, die auf die Unterstützung durch Förderer und Freunde wie Peggy Guggenheim angewiesen ist, reist im Juli 1936 über London nach Paris, wo sie eine Wohnung hat, die sie verkaufen muss. In Paris fühlt sie sich wohler als in New York oder London: „(…) fast fühle ich meine Schritte beflügelt, als hätte ich ein Paar schwere Stiefel abgelegt (…)“. Trotzdem holt sie die depressive Stimmung wieder ein. Im Januar 1937 schreibt sie Emily aus Paris: „Ich vermisse Muffin so sehr, dass ich schreien könnte (…).“
Als Peggy Guggenheim Djuna im Februar 1937 schreibt, dass sie sie nur noch ein weiteres Jahr finanzieren könne, sie aber nicht im Stich lassen werde, fühlt sich Djuna genau das – zutiefst im Stich gelassen. Existenzängste münden in Selbstmordgedanken. „Und der Witz des Ganzen wird sein, dass ich, die ich von Selbstmord nichts halte, mir werde das Leben nehmen müssen, während Du [Emily], die Du von der Vorstellung begeistert bist, weiter in Chelsea leben bleiben musst!“

Gesundheitliche Probleme physischer und psychischer Natur – Djuna Barnes trinkt relativ viel – beschäftigen sie zunehmend und sie ist froh, in Emily eine Freundin zu haben, mit der sie diese Dinge teilen kann, obgleich sie sich immer wieder für ihr Jammern entschuldigt. In den Phasen, in denen ihr nichts gelingen will und sie keine Zeile zustande bringt, meint sie, dass ihr eine regelmäßige Arbeit gut täte. („Zu viel Zeit ist so gut wie gar keine“). Doch verwirft sie diesen Gedanken schnell, weil sie sich ihrer Ansicht nach dann nächtens dem Schreiben widmete. Die letzten Briefe des Bandes sind Zeugnis, dass Barnes‘ Zustand sich verschlechtert hat. „(…) alles Leben scheint aus mir entwichen, mir liegt im Grunde an nichts mehr außer daran, in Frieden zu sterben und (da ich ein Feigling bin) mit so wenig Schmerzen wie möglich.“ Sie hat Angst davor, Emily verärgert zu haben, da deren letzter Brief eine Weile zurück liegt. Erleichtert und in etwas besserer Verfassung beschließt ein Brief aus Megève kurz vor Weihnachten 1938 die Auswahl dieses Bandes.

Mit den Briefen Djuna Barnes‘ an Emily Coleman wird dem Leser eine künstlerisch-literarische Gesellschaft vergangener Tage näher gebracht, deren Vielfalt an Personen und Beziehungen untereinander sich glücklicherweise durch ein ausführliches Glossar inklusive einer Liste mit Vornamen erschließen lässt. Das erschwert den Einstieg etwas, da man gerade zu Beginn oft ans Ende des Buches blättern muss, bringt einem die Charaktere dadurch aber näher. Ein interessantes Vorwort, das ich nach den Briefen gleich nochmals lesen musste, gewährt weitere Einsichten in die Bekanntschaften und Beziehungen Barnes’ und Colemans. Die Ehrlichkeit und Offenheit, mit der die Beiden sich begegnen, ist bewundernswert. Ergreifend und erschütternd sind die Einsamkeit, der Kummer, die Lebens- und Geldnot, die ein bisschen den roten Faden der Briefe darstellen. Interessant und auch hier ernüchternd ist die Mühe, die für die Veröffentlichung von „Nachtgewächs“ nötig war, ebenso schön die Beharrlichkeit und die dauernde Unterstützung einer Freundin wie Emily Coleman. Umso bedauerlicher, dass man hier nur die Briefe von Djuna Barnes zu Gesicht bekommt und keine der Antworten. Das macht die ganze Angelegenheit insgesamt etwas unbefriedigend, zumal man erfährt, dass Coleman neunzehntausend Seiten Tagebücher und einunddreißigtausend Seiten Korrespondenz hinterließ. Die bevorstehenden Kriege in Europa und die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise, die sich in hohen Arbeitslosenzahlen äußerten, bilden den zeitlichen Rahmen.

Wie dem Glossar zu entnehmen ist, kühlte die Freundschaft zwischen Barnes und Coleman bedauerlicherweise im Jahr 1940 ab.

Djuna Barnes
Im Dunkeln gehn: Briefe an Emily Coleman
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2002
ISBN-13 9783803131621
Gebunden, 206 Seiten, 22,50 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch

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6 Antworten zu Djuna Barnes: Im Dunkeln gehn. Briefe an Emily Coleman

  1. Ada Mitsou schreibt:

    Auf Djuna Barnes bin ich zum ersten Mal durch einen literarischen Kalender aufmerksam geworden, allerdings habe ich bisher noch nichts von und wenig über sie gelesen. Denkst du, dass sich der Briefwechsel auch als Einstiegslektüre eignet? Ich würde es gerne versuchen, obwohl ich auch mit mir hadere, ob es mich zufriedenstellen könnte, nur die eine Seite eines Briefwechsels zu lesen.

    • wortlandschaften schreibt:

      Es war mein Einstieg. Ich hatte ein wenig über das Tragische an ihrem Leben gelesen (worauf ich zufällig stieß), was mein Interesse weckte. Die wilden 20er sind in den Briefen schon Vergangenheit. Ich wusste nichts von ihrer schlimmen Kindheit und dem Missbrauch (das wird im Buch auch nicht erwähnt). Darüber bin ich erst nach Lesen der Briefe in einem Artikel bei Wikipedia aufmerksam geworden.

      Du merkst schon, ich kann Deine Frage nicht wirklich beantworten. Verkehrt ist es in meinen Augen sicherlich nicht, denn es wird einem in erster Linie der Mensch näher gebracht und die Freundschaft zu Emily Coleman, deren Buch „The Shutter of Snow“ ich vielleicht mal lesen möchte. Literarisch geht es hauptsächlich um den Roman „Nachtgewächs“, über dessen Entstehungsprozess man einiges erfährt. Er muss schon ziemlich speziell sein (wenn ich an die in Briefen erwähnten Figuren denke) und wurde damals gemischt aufgenommen – von Freunden und Förderern, die meist aus der Künstlerwelt kamen, aber ziemlich euphorisch.

      Ich habe an den Briefen einige Tage gelesen, wobei ich nicht genau sagen kann, ob es daran lag, dass man praktisch nur eine Richtung verfolgen kann oder an persönlichen Dingen (Momentan habe ich den Kopf nicht so frei und komme allgemein nicht so voran, wie ich mir das wünsche. Darum auch die längere Pause hier).
      Anfangs sind die Briefe durch die vielen Namen vielleicht ein bisschen sperrig, aber ich fand mich recht schnell zurecht. Die Einseitigkeit lässt sich nicht wegdiskutieren, ist aber nicht zu ändern.

      Persönlich mag ich längere Briefe, die heutzutage meist per Mail verschickt werden. Damit stehe ich leider recht alleine da, denn oft sind die Antworten im SMS-Stil. Da ich in der Vergangenheit nicht so viele Briefwechsel gelesen habe, wollte ich das mal ändern. Als Mängelexemplar gibt es den Band schon für unter 8€, das erleichterte meine Kaufentscheidung. Ich habe es nicht bereut!

      • Ada Mitsou schreibt:

        Vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Ich habe im Moment übrigens auch ein kleines Lesetief. Mir fehlt irgendwie die innere Ruhe für ein Buch, sodass ich meine aktuelle Lektüre nur häppchenweise zu mir nehmen kann.

        Hmm, dann bietet es sich eigentlich an, zuerst „Nachtgewächs“ zu lesen, um zu erfahren, wie Barnes schreibt und dann mittels der Briefe zu erkunden, warum sie so schreibt. Ich werde mir beide Bücher mal notieren und sobald ich mich nach Barnes fühle, hole ich sie mir dann vielleicht im Doppelpack.
        Ich danke dir auf jeden Fall für deine Meinung dazu!

  2. wortlandschaften schreibt:

    Gerne! Ja, die innere Ruhe ist schon wichtig, bei allem was man tut. Beim Lesen möchte ich eben mit klarem Kopf dabei sein und wenn das mal nicht geht, dann kann man das nicht erzwingen. Deinem Blog merkt man die Flaute aber nicht wirklich an.😉

    Deiner geplanten Herangehensweise ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass ich auch unglaublich viele Bücher notiert habe, die Frage ist nur, ob ich es schaffe, die wirklich alle mal zu lesen. Es macht aber auch Spaß, interessante Titel zu sammeln und irgendwann wieder drauf aufmerksam zu werden.

    • Ada Mitsou schreibt:

      Oh ja, meine Liste ist mittlerweile auch ellenlang! Ich möchte die Bücher gerne alle lesen, aber ob ich das wirklich schaffe… Ich bezweifle es, zumal ich zuhause auch noch so viele ungelesene Bücher stehen habe. Aber allein die Tatsache, dass da draußen noch einige unentdeckte Schätze verborgen sind, erfreut mich, denn so weiß ich, dass es für jede Stimmung wahrscheinlich immer ein passendes Buch geben wird🙂

      • wortlandschaften schreibt:

        Ungelesene Bücher hab ich auch etliche, aber das liegt alleine schon daran, dass ich viele Mängelexemplare und auch antiquarisch kaufe.
        Ich mag diese Listen gerne, weil sich mit der Zeit so viel Interessantes ansammelt, dass wirklich aus jedem Genre und für jede Stimmung was dabei ist. Manchmal gehen die (digitalen) Listen bei mir auch irgendwo vorübergehend verloren oder sind im Dokumentendschungel eines Ordners verschollen um dann erneut entdeckt zu werden. Einzelne Titel picke ich mir dann schon immer mal raus.
        Ich bin kürzlich erst wieder auf einen vergessenen Ordner in meinen Favoriten gestoßen, in dem ich Bücher bei amazon als Lesezeichen abgespeichert hatte. Nach der letzten Jokers-Lieferung bin ich aber erst einmal auf unbestimmte Zeit versorgt. (Mal sehen, wie lange diese Aussage bestand hat…)

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