Wirklichkeit und Illusion

Louis Bapaume, Mitte Vierzig, macht sich aus Montreal auf den Weg in das kleine Dorf Saint-Aldor im Norden Kanadas. Eine persönliche Angelegenheit treibt ihn in das Dorf, in dem er vor 20 Jahren Organist und Musiklehrer war. Die Reise verläuft nicht nach Plan, denn sein Fahrer und er bleiben in der tief verschneiten Landschaft mit ihrem Auto stecken. Zu Fuß waten sie durch den Schnee und erreichen verfroren und erschöpft einen Bahnhof, dessen Vorsteher sie in seiner Unterkunft zu nächtigen einlädt. Der Bahnhofsvorsteher, ein Offizier, versucht das Anliegen des in sich gekehrten Louis auf freundschaftliche Weise zu ergründen. Doch Louis gibt sich verschlossen und nur wenig von sich preis. Dann erreicht die Männer die Nachricht vom Verschwinden der Tochter des Küsters aus Saint-Aldor. Sie war aus den Bergen nicht mehr zurückgekehrt. Am nächsten Morgen gelangt Louis mit einem Hundeschlittengespann an sein Ziel.

Schon auf den ersten Seiten vermochte es Gaétan Soucy mich mit den präzisen und klaren Bildern der Winterlandschaft, die eine außergewöhnliche Schönheit verströmen, in seinen Bann zu ziehen. („Da und dort wirbelte ein Lufthauch dicht über dem Boden diamantene Staubwolken auf, die sodann wie Rauch verschwanden“). Ich spürte die raue Kälte, sah die unendlich scheinende Weite der Landschaft, hörte das Knirschen des Schnees unter jedem Schritt, roch den Atem der Schlittenhunde. In diese Atmosphäre mischt sich eine bedrückende Stimmung, je mehr dem Leser erlaubt wird, sich näher an die Figur des Louis heranzutasten. Fein gezeichnete Figuren ließen mich gänzlich in die Geschichte eintauchen, die nach und nach Konturen erhält ohne ihr Geheimnis preiszugeben.

„Die Vergebung“ hielt mich bis zur letzten Seite in Atem. Ich staune noch immer und freue mich diese faszinierende, geheimnisvolle Mixtur mit ihrem eindrücklichen Geschmack genossen zu haben. Für Feinschmecker!

Gaétan Soucy
Die Vergebung

Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2008
ISBN-13 9783882217391
Gebunden, 141 Seiten, 17,80 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Hörprobe

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5 Antworten zu Wirklichkeit und Illusion

  1. klappentexterin schreibt:

    Aktuell bin ich leider wintersatt, aber wenn mich im heißen Sommer die große Sehnsucht nach ihm heimsucht, weiß ich ja nun, wer ihn stillen kann…

    Eine Feinschmeckerin lässt herzlich grüßen!

  2. wortlandschaften schreibt:

    Verständlich. Jetzt wo schon ein Hauch Frühling in der Luft lag, sehne ich mich auch nach wärmeren Tagen. Vielleicht kann man die Schönheit dieser Winterbilder nicht so richtig genießen, wenn man keinen Schnee mehr sehen mag. Eine weitere Stärke liegt in dem Zusammenspiel der Figuren mit der Umgebung und der Geschichte. Es entwickelt sich da eine unglaublich atmosphärische, spannende und vor allem geheimnisvolle Erzählung, die mich am Ende wirklich vom Hocker gehauen hat.

    Viele Grüße zurück!

  3. buechermaniac schreibt:

    Ich bin zufällig hier gelandet. Danke für diese Rezension. Da ich selber einige Zeit in Montreal lebte, interessiert mich kanadische Literatur sehr und den kanadischen Winter mag ich sehr. Und der Winter ist nicht mehr weit, da passt doch dieses Buch ausgezeichnet. Ich bin gespannt.

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo und herzlich willkommen!

      Da hat Dich der Zufall zu einem außergewöhnlichen Buch geführt. Da Du die kanadischen Winter kennen und schätzen gelernt hast (ich kann mir denken, dass die Winter dort sehr schön sind), kann ich mir vorstellen, dass Dir dieses Buch vielleicht besonders gefallen könnte. Ich war leider noch nie in Kanada, konnte mir die Landschaft aber anhand der wunderbaren Beschreibungen sehr gut ausmalen. „Die Vergebung“ ist ein geheimnisvolles und hochspannendes Buch, genau richtig für einen Winterabend vor dem Kamin (oder ersatzweise jeder anderen Wärmequelle). Falls Du es mal lesen solltest, würde ich mich über Deine Meinung freuen. Mich hat es auch nach dem Lesen einige Zeit beschäftigt.

      Viele Grüße!

      • buechermaniac schreibt:

        Ich werde dir gerne über mein Leseerlebnis berichten. Und ja, der Winter in Kanada ist grossartig, so wie ich ihn erlebt habe. Ich mag südliche Länder, aber genauso faszinieren mich Länder im kalten Norden. Sie ziehen mich praktisch magisch an.

        Literarische Grüsse

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