Hugo Steiner-Prag

Die verwinkelten Gassen der Goldenen Stadt an der Moldau atmen auch heute noch ein bisschen den Geist des alten Prag. Abseits der ausgetretenen Pfade, zu nachtschlafender Stunde, meint man mancherorts noch das Mystische dieser Stadt zu spüren, das man aus alten Sagen und Erzählungen kennt. Eine davon ist Gustav Meyrinks „Der Golem“, die ich ein anderes Mal näher vorstellen möchte. Im Folgenden soll eine Person im Mittelpunkt stehen, deren Weltruhm mit eben diesem Roman eng verknüpft ist – Hugo Steiner-Prag. Steiner-Prags 25 Lithographien zu Meyrinks Roman sind in ihrer atmosphärischen Dichte und Wirkung einzigartig. In der Zlatá ulička, dem Goldenen Gässchen, in dem einst Franz Kafka in dem kleinen Häuschen mit der Nr. 22 lebte, blickt einem heute aus dem Fenster auch der Golem entgegen.

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Wer steckt hinter diesen faszinierenden Illustrationen und wieso trägt er den Namen einer Stadt? Genau deretwegen. Hugo Steiner wurde 1880 als Sohn eines Buchhändlers und Leihbibliothekars in Prag geboren. Mütterlicherseits sind seine Ahnen seit dem Mittelalter in Prag ansässig, Steiner leitete seine Herkunft von dem legendären Rabbi Löw ab, jenem sagenhaften Rabbi, der den Golem aus Lehm erschaffen haben soll. Den jugendlichen Hugo prägten die zwei Gesichter Prags, das des schönen und strahlenden Prag und das des ehemaligen Prager Ghettos, nun zu einem Slum verkommen. Kriminalität, Prostitution und Krankheit breiteten sich auf dem neben der Moldau gelegenen, regelmäßig überfluteten Gebiet aus. Deshalb wurde Ende der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts beschlossen, diesen Teil abzureißen, ohne Rücksichtnahme auf seinen historischen Wert.

Eine schöne Geschichte mit dem Titel „Der Wendepunkt“ hat Hugo Steiner-Prag über seine Jugend wundervoll in Worte gefasst. Sie erzählt von dem Obstmarkt in Prag und einem dort ansässigen Bildergeschäft, dessen gerahmte Kunstwerke seine Phantasie und das Fernweh nährten. Wie seine Kritzeleien die Verse und Reime als Ausdruck seiner Gefühle langsam ablösten. Als er eines Tages einen Mann auf dem Hradschin beim Zeichnen beobachtete, war er so bezaubert und gefangen, dass er es ihm unbedingt gleichtun musste. Er fürchtete sich vor Kritik und machte sich deshalb früh morgens um fünf auf und malte in den düsteren Gassen des schwindenden Ghettos und in den betörenden Gärten auf dem Hradschin. In der Schule gelangte der erste zu Papier gebrachte Versuch einer nackten Frau in die Hände seines Chemielehrers. Den Triumph auskostend und Entsetzen verbreitend, belässt der es jedoch bei einem höhnischen Lächeln und einem ironischen „Sie sind ja fast ein akademischer Schmierer – pardon – wollte sagen ein akademischer Maler.“ Der Spott des Lehrers und mancher Kameraden hat zur Folge, dass Hugo einige Wochen neben sich steht, nicht malt und nicht dichtet, bis er sich in die Nähe der Kunstakademie wagt. Und so heißt es am Schluss: „Aber eines Tages packte ich in wütender Bedrängnis die Hefte, die meine Gedichte und alle anderen Schreibereien enthielten und verbrannte sie im Herd, als die Küche leer und dunkel war. Hoch schlugen die Flammen aus dem schwarzen Plattenloch, ich aber blickte begeistert in das zuckende Flammenspiel. Die tastende Kindheit verbrannte ich und wusste: in dieser Stunde hatte mein Leben sein Ziel gefunden.“
„Der Wendepunkt“ ist aus der Monografie „Die Nikolander Realschule in Prag 1833-1933“.

Kaum sechzehn Jahre alt war Hugo Steiner damals, als er seine Berufung fand.
1900 geht er nach München an die Kunstakademie und nimmt beim Verlassen seiner Heimatstadt deren Namen an. Fortan nennt er sich Hugo Steiner-Prag.

Quelle dieser und weiterer Geschichten und Stationen aus dem Leben des Hugo Steiner-Prag ist ein Ausstellungskatalog der Esslinger Künstlergilde aus dem Jahr 1981.
Viele der Bücher die Steiner-Prag illustrierte sind nur antiquarisch zu bekommen, jene die sich hauptsächlich seinem künstlerischen Schaffen widmen, kosten nicht selten ein kleines Vermögen. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass das „Center for Jewish History“ viele der von ihm illustrierten Bücher, Bücher über ihn, Lithographien und vieles mehr in digitalisierter Form kostenfrei anbietet. Besonders empfehlen möchte ich einen Blick in dieses Buch und natürlich auf alle 25 Lithographien von „Der Golem: Prager Phantasien“. Natürlich laden auch die vielen anderen Bücher und Illustrationen des Hugo Steiner-Prag zum Stöbern ein.

„Für ihn waren schöne Bücher das ideale Medium internationalen Verständnisses“ sagt seine zweite Ehefrau Eleanor F. Steiner-Prag. Das erklärt womöglich seinen unermüdlichen Optimismus, nachdem er mehrere Male gezwungen war (1933, 1938), alles was er sich aufgebaut hatte, liegen und stehen zu lassen, nur um an anderer Stelle wieder von Neuem zu beginnen. Hugo Steiner-Prag starb 1945 in New York.

Weiterführende Links:
Der Golem bei Projekt Gutenberg oder bei Zeno.org

Die Bilder der Slideshow sind aus dem flickr-Photostream des Center for Jewish History, NYC

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