Gesundheit über alles

Irgendwann, Mitte des 21. Jahrhunderts

Mia Holl, Biologin, 30 Jahre alt, intelligent und hübsch, steht vor Gericht. Ihr wird vorgeworfen, sich der “methodenfeindlichen Umtriebe in Tateinheit mit der Vorbereitung eines terroristischen Krieges“ sowie weiterer zur Gefährdung des Staatsfriedens beitragender Delikte schuldig gemacht zu haben. Das Urteil lautet Einfrieren auf unbestimmte Zeit – die Höchststrafe. Wie konnte das Leben dieser Frau, die bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten war, dermaßen aus den Fugen geraten? Die Geschichte nahm in dem Suizid ihres Bruders Moritz, der wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, ihren Anfang. Mia will seine Unschuld beweisen.

Der erste Eindruck, den man über das Leben in dieser Gesellschaft gewinnt, hat durchaus etwas Idyllisches. Die Menschen sind zur Ruhe gekommen, scheinbar im Einklang mit der Natur. Aus stinkenden Fabriken und Kohlegruben wurden Kulturzentren und Seenlandschaften. Die Beschreibung „stillgelegter Kirchen“ fällt ins Auge. Gesundheit ist die neue Religion. Diese Utopie wandelt sich nur allzu schnell zu einer Dystopie, in der das Wohl des Menschen Methode hat. „Methode“, so heißt das neue System, in dem Krankheiten der Vergangenheit angehören. Erwartet werden von den Bürgern tägliche, kilometerlange Sporteinheiten auf dem Laufgerät, häusliche Blutdruck- und Urintests, Schlaf- und Ernährungsberichte sowie regelmäßige Meldungen zur medizinischen Untersuchung. In der Toilette befinden sich Sensoren, die das Abwasser messen und Abweichungen von der Norm registrieren. Die Wohnungen müssen praktisch dauernd desinfiziert werden, die Luft, das Abwasser, der Müll unterliegen ständigen Kontrollen. Sogenannte Wächterhäuser zeichnen sich durch einen besonderen Gemeinschaftsgeist und herausragende Zuverlässigkeit in der hygienischen Prophylaxe aus. Sie dürfen ohne Mundschutz betreten werden.
Noch schlimmer steht es um die zwischenmenschliche Komponente unter der Staatsform der „Methode“. Eine zentrale Partnervermittlung bietet mögliche Partner, die nach Haupthistokompatibilitätskomplex in Klassen zugeordnet werden, feil. Eine Liebe außerhalb dieser Kategorien, die nur für einen bestimmten Kreis an in Frage kommender Partner qualifizieren, ist wissenschaftlich ausgeschlossen. Natürlich nur auf dem Papier, denn die als unzulässig bezeichnete Liebe, macht vor immunologischen Schranken keinen Halt.

„Corpus Delicti“ ist ein spannender Roman, bei der ein Überwachungsstaat in Form einer Gesundheitsdiktatur im Zentrum steht. Es werden viele Fragen aufgeworfen, die heute schon brandaktuell sind. Inwieweit darf der Staat den Bürger bevormunden bzw. wird der Bürger schon bevormundet, natürlich immer zu seinem eigenen Wohl. Wie definiert man den Begriff Freiheit und was gibt der einzelne, staatstreue Bürger dafür auf. Die Rolle der Medien, ihre Macht und der Missbrauch dieser Macht, sind genauso Teil dieses Romans, wie die Sammlung von Daten, hier aus dem Bereich der Gesundheit. Der gläserne Mensch ist mittlerweile jedem ein Begriff und fällt auch im Bezug auf die neue Gesundheitskarte oder den Personalausweis immer wieder. Nacktscanner an Flughäfen, der Umgang mit der Krankenakte in anderen Ländern z.B. bei der Einstellung und viele weitere Beispiele aus der heutigen Zeit, fallen einem beim Lesen dieses in der Zukunft angesiedelten Szenarios ein und man fragt sich, welche der beschriebenen Maßnahmen zur Kontrolle der Bürger bereits so oder in ähnlicher Form zum Einsatz kommt. Ich dachte aber auch darüber nach, was es heißt zu leben und dass das Risiko einfach Bestandteil des Lebens ist.

Der Roman ist von Anfang bis Ende sehr spannend und regt wie beschrieben zum Nachdenken an. Da bei Stoffen dieser Art oft der Vergleich zu Orwells „1984“ bemüht wird, möchte ich anmerken, dass „Corpus Delicti“ nicht dessen Tiefe erreicht. Das hatte ich aber nicht erwartet. Besonders gefallen haben mir die Gespräche zwischen Mia Holl und Heinrich Kramer. In diesem Sinne: Santé!

Juli Zeh
Corpus Delicti. Ein Prozess
Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN-13 9783895614347
Gebunden, 263 Seiten, 19,90 EUR

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6 Antworten zu Gesundheit über alles

  1. klappentexterin schreibt:

    Ich habe zum Thema Überwachung von Juli Zeh ein anderes Buch gelesen, was sie gemeinsam mit Ilija Trojanow („Angriff auf die Freiheit“) geschrieben hat. Es war erschreckend, weil es sich um Tatsachen handelte und nicht um eine fiktive Geschichte wie hier. Der Roman hört sich ebenso spannend an und steht schon sehr lange auf meiner Bücherliste.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

    • wortlandschaften schreibt:

      „Angriff auf die Freiheit“ habe ich noch nicht ganz ausgelesen, ist momentan meine Lektüre für unterwegs. Wenn man mal länger über die Schilderungen in diesem Buch nachdenkt, wie die Menschen für Freiheiten kämpfen mussten, die wir heute als selbstverständlich erachten, dann ist es schon traurig, wie sie ohne großen Aufruhr stückweise flöten gehen. Ich finde das gut, wie das beschrieben ist.
      Die Nachrichten des Tages kann man sich bald nicht mehr ansehen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Wenn ich da noch an die Weihnachtszeit und die Sache mit den Weihnachtsmärkten denke…

      Freut mich übrigens, dass Du wieder unter den Lebenden weilst. Unter der „Methode“ wärst Du gar nicht erst krank geworden.😉 Ist aber nicht so erstrebenswert.

  2. irrstern schreibt:

    Danke für deine Rezension. Ich wollte schon lange etwas von Juli Zeh lesen, bin bisher aber noch nicht dazu gekommen. Corpus Delicti hört sich für mich nach einem gelungenen Einstieg an.

    Danke auch an Klappentexterin … jetzt muss ich mich dann zwischen zwei Büchern der Juli Zeh entscheiden😉

    • wortlandschaften schreibt:

      Danke für Deinen Besuch! Ich fand beide Bücher sehr lesenswert. „Corpus Delicti“ ist immer noch Fiktion, wenngleich einem natürlich viele Dinge bekannt vorkommen, weil sie so oder in ähnlicher Form schon existieren oder aber wir nicht mehr weit davon entfernt sind, Zustände wie im Buch beschrieben, auch bei uns zu bekommen.

      „Angriff auf die Freiheit“ ist keine Fiktion und nennt die politischen Entscheidungen und Entscheidungsträger beim Namen, die die persönliche Freiheit der Bürger mit fadenscheinigen Begründungen beschneiden (wollen).

  3. Ada Mitsou schreibt:

    Ich habe hierzu mal die Hörbuchversion gehört, bei der Fragmente aus dem Buch mit Liedern von Slut kombiniert wurden. Für mich sehr ungewöhnlich und im Ganzen weniger gehaltvoll als ein Buch, auch wenn ich die Umsetzung sehr interessant fand.
    Dummerweise neige ich dazu, bei Hörbüchern/-spielen schnell einzuschlafen, weswegen nicht viel hängengeblieben ist und ich es vielleicht noch mal mit dem gedruckten Werk versuchen sollte. Deine Besprechung hat mich wieder neugierig gemacht.

    • wortlandschaften schreibt:

      Klingt interessant auch wenn ich mir die Umsetzung nicht wirklich vorstellen kann. Hörspiele aus dem Radio kenne ich ein paar, besonders ältere. Hörbücher habe ich nur wenige, wenn dann eher kurze Sachen, wie z.B. „Russendisko“ von Wladimir Kaminer, was von seinem Vortrag lebt und profitiert. Ich bin bei längeren Hörspielen im Radio auch öfter eingeschlafen und weiß nicht ob es am Vortrag oder der Müdigkeit lag. An Letzterem, schätze ich. Auf der lit.COLOGNE habe ich Maria Schrader lesen hören dürfen, was ein echter Genuss war. Ein Hörbuch mit ihr als Stimme, kann ich mir nun sehr gut vorstellen.

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