Ivana Sajko: Rio Bar

„Ich trinke in der Rio Bar.
Und ich schreibe einen Roman, in dem ich
in der Rio Bar trinke.
Und ich schreibe den Text „Acht Monologe über den
Krieg für acht Schauspielerinnen in Brautkleidern“.
Und ich trinke weiter.
Besser wäre es, wenn ich etwas essen würde.“

Eine Frau sitzt in einer Bar und betrinkt sich um den Erinnerungen zu entfliehen, um sich besser oder am besten gar nichts zu fühlen. Sie trägt immer noch das Hochzeitskleid aus der Nacht, in der der Krieg begann. Es fehlen Stücke, aus denen sie Verbandsmaterial und Damenbinden anfertigte. Sie hofft und wartet auf ihren Bräutigam, liest Todesanzeigen, ist aber auch des Wartens müde. Sie tastet sich durchs Flüchtlingslager und sucht bei den Behörden. So sehr sie sich bemüht, vergessen kann sie nicht.

Jeder hat seine eigene Geschichte, die mit den Worten „Das erste Mal ist alles wie im Traum“ beginnt. So lautet der erste Satz, der sich zugleich auf der Rückseite des Schutzumschlags findet, mit dem Ivana Sajko den ersten Luftalarm der Protagonistin beschreibt. Wie in einem schlechten Traum oder im Delirium aus Alkohol erscheinen einige der 23 Kapitel, in denen Zeit-, Orts- und Perspektivwechsel stattfinden. Ein vollständiges Bild der Geschehnisse erschließt sich dadurch erst am Ende des Romans, der in seiner Wirkung umso mehr nachhallt.

Die Sprache des Romans ist wie ein Tritt in die Magengrube, sie springt einem ins Gesicht und steigt in die Nase. Die in Wut, Trauer, Abscheu und Verbitterung getränkten Gedanken und Beobachtungen der Frau schildern ein hoffnungsloses Bild eines gebrochenen und vom Krieg traumatisierten Menschen. Nach dem Krieg konzentriert sich der Hass auf Touristen, ausländische Investoren und korrupte, mafiöse Strukturen. Der monologische Stil öffnet den ungefilterten Zugang in die Seelen- und Gedankenwelt der Protagonistin, die eigentlich gar nicht mehr wirklich zu denken scheint. Die unverblümte Sprache, der Wechsel der Erzählperspektive und verschiedene Stilmittel wie die Vervielfachung von Vokalen in Worten (Kriiiiiiieeeeg, blaaaaaueste Meeeeer) erzeugen eine Stimmung die ich irgendwo zwischen Aberwitz und ironischer Geringschätzung einordnen würde.

Im völligen Kontrast dazu stehen 14 in den Roman eingeflochtene Fußnoten, die nüchtern, sachlich und genauestens recherchiert, unter Angabe von Quellen und Namen, über den Krieg berichten. In diesen „Anmerkungen über den Krieg“ wird das ganze Ausmaß des Krieges und seiner Verbrechen, auf beiden Seiten, deutlich. Die genannten Zahlen führen einem vor Augen, dass die Frau in diesem Roman tausend Namen haben könnte. Vielleicht wurde auch deshalb auf einen verzichtet. Es wird einem aber auch bewusst, dass der Krieg neben den körperlichen Wunden tiefe seelische Wunden hinterlassen hat, die viele Menschen ihr Leben lang begleiten werden und an denen einige zerbrechen, wie die Zahl an Suiziden von Kriegsveteranen in einer Fußnote belegt. Die unrühmliche Rolle des Westens, die im Roman auch angesprochen wird („Wo waren diese Ausländer, als man sie gebraucht hat? (…) Wo waren sie, als hier gestorben wurde“) ist auch Thema dieser Anmerkungen.

„Rio Bar“ ist eine sehr intensive Leseerfahrung, die nachwirkt und schwer zu verdauen ist.

Ivana Sajko
Rio Bar

Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2008
ISBN-13 9783882217155
Gebunden, 175 Seiten, 17,80 EUR

Dieser Roman ist der Beitrag für den Januar in der „Werde Entdecker!“–Challenge von Bibliophilin & Ailis.

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Hörprobe

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5 Antworten zu Ivana Sajko: Rio Bar

  1. Bibliophilin schreibt:

    Eine wunderbare Rezension! Danke dafür.

  2. wortlandschaften schreibt:

    Hallo Bibliophilin,
    Das ist der erste Beitrag! Ich hatte eine Kategorie mit der Challenge angelegt und den Roman dort zugeordnet. Jetzt habe ich das noch etwas deutlicher gemacht, so dass es auf den ersten Blick ersichtlich sein sollte.

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