Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963

Am 28. Dezember 2004 starb Susan Sontag im Alter von 71 Jahren an Blutkrebs. Bis kurz vor ihrem Tod war sie davon überzeugt, ihre Krankheit zu überleben. Sie schmiedete Pläne und sprach von der Arbeit, die sie danach aufnehmen würde. So blieb in ihrem Überlebenskampf die Frage, was mit ihrem Nachlass geschehen sollte, unbeantwortet. „Du weißt wo die Tagebücher sind“ sagte Susan Sontag einmal zu Beginn ihrer Krankheit zu ihrem Sohn David Rieff. Die Schwierigkeit der Entscheidung, die an die hundert Tage- und Notizbücher, die sich in einem begehbaren Kleiderschrank angesammelt hatten, zu veröffentlichen, beschreibt David Rieff im Vorwort. Da Sontag ihre Schriften und Tagebücher an die Bibliothek der University of California verkauft hatte, stand für ihren Sohn fest, dass die Tagebücher irgendwann von irgendwem ins Licht der Öffentlichkeit gezogen würden und so zog er es vor, selbst die Initiative zu ergreifen. Ganz wohl sei ihm dabei nicht gewesen, enthalten die Aufzeichnungen doch intimste Details, deren Publikation sicher „eine Verletzung der Privatsphäre darstellen“.

Susan Sontag wurde am 16. Januar 1933 in New York geboren. „Wiedergeboren“ ist der erste von drei Bänden und versammelt  eine Auswahl von Aufzeichnungen aus den Jahren 1947-1963.

Worte, Satzfragmente, Stichpunkte, Fließtext und Listen lösen sich in diesem Tagebuch, das Sontag selbst oft als Notizbuch bezeichnet, ab. Es zeigt den Werdegang eines jungen Mädchens, das von scheinbar unbändigem Wissensdurst und Ehrgeiz getrieben aus dem Elternhaus ausbricht und ihren Weg geht, der sie zu einer der berühmtesten Intellektuellen Amerikas machte. Den größten Raum nimmt jedoch die zutiefst private Seite Sontags ein, ihre Homosexualität, Beziehungen, Gedanken über die Liebe, Ansichten über die Ehe und in erster Linie das unaufhörliche Analysieren und Hinterfragen ihres Selbst. Darüber hinaus stellen die Tagebücher ein zeitgeschichtliches Dokument dar und das nicht nur wegen kurzer Einträge zum Angriff auf Pearl Harbour oder dem Tode Roosevelts, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Kreise und Verhältnisse, in denen sie verkehrte, der Verweise auf die kulturellen Ereignisse der Zeit, der Beschreibungen der Reisen die sie unternahm, kurz gesagt, aufgrund der Ansammlung vieler mehr oder weniger detaillierter Anekdoten.

Der erste Eintrag des Tagebuchs datiert auf den 23.11.1947 und besagt „Ich glaube: (a) Dass es keinen persönlichen Gott und kein Leben nach dem Tod gibt (b) Dass es im Leben nichts Erstrebenswerteres gibt, als die Freiheit, sich selbst treu zu sein, d.h. Ehrlichkeit“ gefolgt von etlichen weiteren Bekenntnissen ähnlichen Stils. Nicht unbedingt das, was man im Tagebuch einer 14jährigen Heranwachsenden erwarten würde. Ihre Leidenschaft für die Schönen Künste und ihre Meinung dazu wird in den folgenden Einträgen deutlich, in denen sie von Arien Don Giovannis schwärmt und seitenlange Bücherlisten erstellt, die nur in stark gekürzter Form vorliegen, da sie den Rahmen sprengen würden. Enthalten sind aber auch die ganz intimen Details, wie ihre lesbische Neigung, die sie als verstörend wahrnimmt und von der sie ausgeht, dass sie nur ein vorübergehendes Phänomen sein wird. Mit 16 geht sie ans College in Berkely und lernt Harriet kennen, mit der sie in San Francisco ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammelt, die sie als große Befreiung empfindet. Die Eintragungen zu Beziehungen ziehen sich fortan in reicher Zahl durch das Tagebuch. Im Alter von 17 Jahren heiratet sie ihren Professor Philip Rieff. Auf eine Beziehung weist kein vorangegangener Vermerk hin. Der erste Eintrag des Jahres 1951 lautet bezeichnenderweise: „Ich heirate Philip im vollen  + beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung.“ Die weiteren Einträge geben u.a. Auskunft über Susan Sontags Studienjahre, den Umzug nach Paris über den Umweg Oxford, das Scheitern ihrer Ehe, ihre Tätigkeit als Dozentin und ihre oft in Enttäuschung endenden Beziehungen.

Susan Sontag war mir hauptsächlich als Essayistin ein Begriff, von ihr als Person wusste ich kaum etwas. Es sind nicht die intimen Details, von denen man annehmen könnte, dass sie den Voyeur in einem weckten, die den Reiz dieser Lektüre ausmachen. Die können heutzutage niemanden mehr schockieren, allenfalls ein vorhandenes Bild einer Person, welches ich nie hatte, verändern. Verständlich, dass Sontags Sohn David einiges lieber nicht hätte erfahren wollen. Beeindruckt, aufgewühlt und bewegt haben mich Sontags Einträge zu ihren Beziehungen, der Sehnsucht nach Anerkennung durch andere Menschen, das Hin- und Hergerissensein zwischen dem wie sie ist und wie sie sein möchte. Die Liebe bereitete ihr mehrere Male großen Kummer, brachte sie dazu an sich zu zweifeln und zu verzweifeln. („Verliebt sein – dieser feine, unvergessliche, ausgeprägte Sinn für die Einzigartigkeit des anderen.“) Es finden sich zahlreiche Aufrufe an sich selbst, in denen sie sich ins Gewissen redet, sich tadelt und die Lösungen anhand einer Analyse gleich mitliefert. Diese lesen sich manchmal wie Regieanweisungen ans eigene Leben, doch lassen die sich gerade in der Liebe sehr schwer umsetzen. („Brauche ein ausreichendes Selbstwertgefühl als Fundament für meine Sensibilität“) Die Schilderung ihrer Verunsicherung, des Schmerzes und der Enttäuschung, als sie erfährt, dass sie mit ihrer Liebe erneut allein war, bringt einem den Menschen schon sehr nahe. („Ich hatte nie die Illusion, dass sie mich liebt, aber ich hatte schon angenommen, dass sie mich mag).

Am 31.12.57 schreibt Susan Sontag über das Tagebuchschreiben: „Oberflächlich, das Tagebuch nur als Gefäß der persönlichen, geheimen Gedanken zu betrachten – wie eine Vertraute, die taub, stumm und analphabetisch ist. Im Tagebuch äußere ich mich nicht nur freimütiger, als ich es einem Menschen gegenüber je tun könnte, sondern ich erschaffe mich selbst.“ Im selben Eintrag hat sie gerade in Harriets Tagebuch gelesen. „Habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich gelesen habe, was nicht für meine Augen bestimmt war? Nein. Eine der wichtigsten (sozialen) Funktionen eines Tagebuchs besteht genau darin, heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden (wie Eltern + Geliebte), über die man sich nur in seinem Tagebuch mit grausamer Ehrlichkeit geäußert hat. Ob Harriet das hier je lesen wird?“

Eingedenk des Vorwortes ihres Sohnes kann man aufgrund des letzten Satzes die Zweifel an der Richtigkeit der Veröffentlichung der Tagebücher vielleicht etwas abschwächen. Sontags Drang zur Bildung und die Konsequenz dabei, die Liebe besonders zum Film und der Literatur sind bewundernswert, aber es sind die Schwächen, Fehler und Ängste, mit denen sie sich auseinandersetzte, die diese Tagebücher so lesenswert für mich machten.

Mir hat der erste Band der Tagebücher Susan Sontags beim Lesen große Freude gemacht und so habe ich mich gerne auch durch die, zugegebenermaßen manchmal sehr umfassenden, Listen gewühlt. Die mit Variablen verklausulierten Texte („X, die Geißel“) haben mir sehr gefallen, genauso die autobiografisch gefärbten Ideen für Erzählungen.

Susan Sontag
Wiedergeboren: Tagebücher 1947-1963
Carl Hanser Verlag, München 2010
ISBN-13 9783446234949
Gebunden, 384 Seiten, 24,90 EUR

Weiterführende Links:
Informationen zum Buch + Leseprobe

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6 Antworten zu Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963

  1. vielleichtsagerin schreibt:

    frau sontagt kannte ich bislang als die verstorbene lebensgefährtin der starfotografin annie leibovitz und autorin des essaybandes „über fotografie“. jetzt habe ich richtig lust bekommen, sie näher und persönlicher kennenzulernen.

    ich würde sagen: well done …

  2. klappentexterin schreibt:

    Immer noch atemlos nach diesem kleinen spannenden Ausflug ins Sontagsche Universum danke ich dir für den schönen Einblick. Auch für mich ist sie eine beeindruckende Persönlichkeit, deren persönlichen Beiträge ich bald selbst lesen möchte.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

    • wortlandschaften schreibt:

      Das freut mich, dass ihr Lust auf die Tagebücher bekommen habt. Es wird bei mir sicher nicht das letzte Buch von Susan Sontag gewesen sein, das ich lesen werde. Allgemein möchte ich dieses Jahr wieder mehr Tagebücher und auch Briefwechsel lesen, ich habe noch eine kleine Auswahl im Regal stehen, einige erst frisch gekauft.

      Gerade habe ich gesehen, dass in der verlinkten Leseprobe das am Ende genannte Beispiel mit X als Variable im Text zu finden ist. Ich fand das so schön geschrieben, mit Stolz als X-izid. Bei amazon kann man auch ins Buch blicken und die ersten 20 Seiten lesen.

  3. klappentexterin schreibt:

    Briefwechsel gefallen mir auch sehr. Welche sind es denn? Ich habe übrigens zu Susan Sontag noch etwas gefunden: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23522-9
    Und natürlich bin ich auf Tagebücher gespannt… Da suche ich immer noch Feines. Ein sehr schönes Vorhaben hast du, mit dem du mich sicherlich hier und da wunderbar anstecken wirst.

    Liebe Grüße zum Wochenende

    Klappentexterin

    • wortlandschaften schreibt:

      Danke für den Link, auf den Titel bin ich schon im Buch aufmerksam geworden. Ich habe noch „Hélène Bèrr : Pariser Tagebuch 1942-1944“ und „Ruth Maier: Das Leben könnte gut sein. Tagebücher 1933 bis 1942“ im Regal.
      Was die Briefwechsel angeht, muss ich noch die von Božena Němcová fertig lesen, die ich letztes Jahr begonnen hatte und der ich dann einige Male “begegnete”, was sehr schön war. Das Buch ist bei einem Umzug verschütt gegangen, ich habe es erst über Weihnachten wieder gefunden.
      “Herzzeit” den Briefwechsel von Ingeborg Bachman und Paul Celan hatte ich schon einige Male in den Händen, aber nicht gekauft. Das ist bei Dir im Regal, oder? Ansonsten interessiert mich noch der Briefwechsel zwischen Kafka und Milena Jesenská.

      Dir auch ein schönes Wochenende!

  4. Pingback: Band 2: Susan Sontags Tagebücher 1964-1980 | wortlandschaften

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