Liebe und Abschied

Eine junge Frau sitzt im Zug nach Amsterdam, auf dem Weg zu ihrem Geliebten Ilja. Beide sind Schriftsteller, beide kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien und sind nun in der Welt zuhause. Paris, Amsterdam, Berlin, New York, Chicago. Es ist eine tiefe und intensive Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, da Ilja seine Frau nicht verlassen kann.

Um die Liebe vom Kennenlernen bis zur Erkenntnis des Scheiterns und den Umgang damit drehen sich die Gedanken. Der Roman ist ein großer innerer Monolog der Erzählerin, in dem Erinnerungen, Beobachtungen und Reflektionen ineinander überfließen. Stück für Stück entfaltet sich dem Leser retrospektiv die Geschichte der jungen Frau, die sich selbst den Namen Nadeshda gegeben hat. Die subjektive Wahrnehmung der Umstände und ihres Selbst zeichnen ein nuanciertes und intimes Bild des Innenlebens und des Seelenzustands von Nadeshda.

Nadeshda ist Physikerin, die ihren Beruf für das Schreiben aufgab. Er konnte sie nicht glücklich machen, aber insbesondere ihren Hunger nicht stillen, der tief in ihr wohnt und von dem sie nicht weiß, woher er kommt. Diese Art inneres Spannungsfeld, das entsteht, wenn die aus der Klarheit der Formeln und Zahlen mit festen Bezugspunkten begründeten Gedanken auf ungewisse, schwer zu ergründende, vielleicht irrationale Betrachtungsweisen prallen, übt einen ungeheuren Reiz aus. „Die Physik ist mit dem Erzählen verwandt, aber während das eine das Geheimnis in eine Formel bannt, erschreibt sich das Geheimnis im Erzählen immer größere Ufer, zeitgleich, noch während man über es spricht.“

So schmerzlich der Verlust des Geliebten und der Abschied von der Liebe, also sich selbst als Liebender, wird Nadeshda dadurch auf sich selbst zurückgeworfen und ist in der Lage innere Orte aufzusuchen, die ihr vorher nicht bewusst waren oder zu denen sie keinen Zugang hatte. „Manchmal können wir nur mit Hilfe eines anderen Menschen über die bösen Lücken des Lebens wie über einen frisch vereisten See gehen. Ein Stein, eine Blume, ein Baum können ablenken, den Blick ins Offene wenden, aber an die Lücke im eigenen Inneren kommt man ohne einen Menschen nicht heran.“

Durch die Kraft der Liebe und ihren Verlust lernt sich die Erzählerin neu kennen. Es findet eine Neuordnung und Neuverortung in ihr statt, mit der eine Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Erinnerung daran verknüpft ist. Sie stellt sich diesen Erinnerungen, die sie nach Dalmatien zurückführen, in den Ort ihrer Kindheit und zu einem dunklen Familiengeheimnis.

Wer die Bücher von Marica Bodrožić kennt, der weiß, dass sie ganz besonderen Wert auf die Sprache legt. So verwundert es beim Lesen des Romans auch nicht, dass sie 5 Jahre daran arbeitete. Hört man sie in Literatursendungen über ihre Erzählungen, Romane und Gedichte sprechen, merkt man ihr die Freude an und den Umgang mit Sprache an. Es fallen Begriffe wie Musikalität aber auch Tollkühnheit und sie erzählt davon, wie sie sich in ihre Wortwerkstatt zurückzieht. Sie ist eine Künstlerin der Worte. Die Bilder, die sie mit ihren Worten erschafft sind keine gewöhnlichen Bilder. Es sind Gemälde, die ich nicht selten auf mich wirken lassen muss. Mitunter muss ich diesen Wortgemälden etwas Zeit geben, sich in meinem Kopf voll zu entfalten. So verweile ich dann manchmal auch länger an den wunderbaren Wort- und Satzkompositionen, weil sie in mir etwas auslösen, mich auf eine besondere Art tief berühren. So wie Ilja in Nadeshda Türen öffnete, stößt Marica Bodrožić mit Worten Türen in mir auf. Marica Bodrožić fängt das schwer Fassbare mit scheinbarer Leichtigkeit ein und kleidet es in Worte, die es in Schönheit und Klarheit erstrahlen lässt. Wie sie Gefühlen und Gedanken in Worten ein Zuhause gibt, ist ein Geschenk. „Der Tagesspiegel“ schrieb sehr passend dazu, dass „Das Gedächtnis der Libellen“ zwei Dinge einlöse, die einen guten Roman ausmachten: „(…) in Worten, auf die wir selber nie gekommen wären, unsere eigene Erfahrung widerzuspiegeln; und uns einen Horizont zu öffnen, der uns sonst verschlossen geblieben wäre.“

Genau dieses Gefühl stellte sich während des Lesens bei mir ein, dass ich mich immer wieder mit meinen eigenen Erfahrungen auseinander setzen musste und dabei staunend die einzigartige poetische Sprache des Romans genoss.

„Das Gedächtnis der Libellen“ ist ein in seiner Sprache und Themenvielfalt außergewöhnlicher Roman, der Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert. Wer sich die Zeit und Ruhe nimmt, wird reich belohnt. Zudem ist es kein Buch, das ich einmal gelesen sofort seinem Platz im Bücherregal überantwortete, sondern über das ich wirklich lange nachdenken musste und in dem ich ob seiner sprachlichen Schönheit und Klugheit immer wieder blättere. Der Klappentext zum Schluss: „Es gibt Menschen, die kommen in dein Leben und machen einen Bettler aus dir. Andere wieder verwandeln dich in einen König – die einen können nicht lieben, die anderen lieben dich so, dass du mal König, mal Bettler wirst, je nachdem, was das Leben gerade von dir will. Denn durch sie liebt dich das Leben. Und das Leben packt dir die Koffer für beide Fälle.“

Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren und lebt seit 1983 in Deutschland.

Der Roman liefert viele Verweise auf andere literarische Werke, die zu einer Entdeckungsreise einladen, z.B.: Nadeshda Mandelstam, Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa, André Breton, Bogdan Bogdanović, Hans-Christian Anderson.

Marica Bodrožić
Das Gedächtnis der Libellen
Luchterhand Literaturverlag, München 2010
ISBN-13 9783630873343
Gebunden, 255 Seiten, 19,99 EUR

Weiterführende Links:
Leseprobe des Verlags
Marica Bodrožić liest aus „Das Gedächtnis der Libellen“

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7 Antworten zu Liebe und Abschied

  1. klappentexterin schreibt:

    Ein Buch, das mir schon mehrmals begegnet ist und was ich irgendwann lesen möchte. Nach deiner Rezension erst recht!

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

    • wortlandschaften schreibt:

      Danke für Deinen Kommentar! Ich würde mich freuen, dann irgendwann Deine Meinung dazu zu lesen.
      Faszinierend ist auch der autobiographische Prosaband „Sterne erben, Sterne färben: Meine Ankunft in Wörtern“, in dem sie beschreibt, wie sie mit 9 Jahren nach Deutschland kam und wie die deutsche Sprache ihre zweite Muttersprache wurde, die sie so wunderbar als ein wärmendes Kleidungsstück umschreibt.

  2. vielleichtsagerin schreibt:

    der zweite titel könnte gut zu mir passen – ich kam mit 11, lernte und sprach:)

    sehr schön rezensiert, hatte das buch heute in der hand! wünsche weiterhin viel spaß am bloggen und natürlich erfolg.

    LG, monika

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Monika,

      „Sterne erben, Sterne färben“ könnte dann tatsächlich was für Dich sein. Ich bin leider nur einsprachig aufgewachsen, habe natürlich Sprachen in der Schule und im Studium gelernt bzw. begonnen, aber es ist eben doch was ganz anderes. Ich bewundere das, wie manchem dieser Neuanfang in einem fremden Land und einer fremden Sprache so beeindruckend gelingt. Das Alter und der Zwang, sprechen zu müssen, um verstanden zu werden, spielen da eine große Rolle, aber es ist dennoch kein Selbstläufer.

      Die Erfahrungen werden in dem Buch auf sehr anschauliche und poetische Art vermittelt, so dass ich das Gefühl hatte, diese Ankunft nachvollziehen zu können. Das ist für Dich dann aber wahrscheinlich nochmal eine viel spannendere Angelegenheit, da Du auf eigene Erfahrungen zurückblicken und vergleichen kannst.

      Es geht natürlich auch um die Kindheit im ehemaligen Jugoslawien und um viele persönliche Dinge. Ich habe das Buch erst letztes Jahr gelesen und für mich hat es auch eine besondere persönliche Bedeutung, weil ich damit ganz besondere Erinnerungen verbinde, wie z.B. ein großartiges Konzert von Goran Bregović, über den ich erst kurz zuvor in eben diesem Buch gestolpert bin. Vorher hatte ich nie von ihm gehört. Marica Bodrožić erinnert sich da an ein Konzert der Gruppe „Bijelo dugme“, in der Bregović der Bandleader war.

      Vielen Dank auch für die Wünsche.

      LG
      Andreas

  3. Ailis schreibt:

    Hallo Andreas,

    wir kennen uns bisher noch nicht. Darf ich vorstellen: Ailis, der zweite Kopf hinter der Entdecker-Challenge.🙂
    Deine Rezension hat mich sehr angesprochen! Ich kannte bisher weder das Buch noch die Autorin, daher danke ich dir sehr für diese Inspiration. Ich bin schon sehr gespannt, was ich durch die Challenge noch alles bei dir kennenlernen werde, denn kroatische Literatur bildet bisher ein großes Loch in meinem Leseleben.🙂
    Nun habe ich nur noch eine „dienstliche“ Frage: Soll diese Rezension schon für den Januar in der Challenge genommen werden oder überraschst du uns da noch mit einem anderen Buch?🙂

    Liebe Grüße
    Ailis

    • wortlandschaften schreibt:

      Hallo Ailis,

      Danke für das Lob und die Vorstellung. Jetzt weiß ich auch wieder, was ich vergessen hatte, denn natürlich wollte ich Dich nicht absichtlich unterschlagen, als ich über die Entdecker-Challenge geschrieben habe.

      Mich zieht es schon seit längerem immer wieder in östliche Regionen, eben weil es da viel zu entdecken gibt. Bücher wie die von Marica Bodrožić haben mit den Ausschlag gegeben, mich in dieser Region ein bisschen nach spannender Literatur umzuschauen.

      Diese Rezension soll nicht dazu zählen, weshalb ich sie auch der Kategorie „Deutschsprachige Literatur“ zugeordnet habe. Streng genommen wollte ich schon Literatur nehmen, die aus dem Kroatischen ins Deutsche übersetzt wurde, allerdings habe ich schon mindestens ein weiteres Buch für diese Challenge, das aus dem Amerikanischen übersetzt wurde. Da muss ich mal sehen, wie ich das einordne.

      LG
      Andreas

      • Ailis schreibt:

        Hallo Andreas,

        ach, ich hatte das gar nicht so empfunden, schließlich hast du über Bibliophilins Blog zur Challenge gefunden, da ist es klar, dass du dich auf sie beziehst. Zwischen ihr und mir gibt es glücklicherweise keine Stutenbissigkeit, wir sind beide ganz friedlich und du kannst durchatmen.😉
        Ich freue mich schon auf weitere Rezensionen von dir und besonders natürlich auf den ersten Link zur Challenge! Ich werde als nächstes wohl auch zu meiner ersten Challenge-Lektüre greifen, ich freue mich schon richtig darauf!🙂

        Liebe Grüße
        Ailis

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