Der Weltraum – unendliche Weiten. Diesen Satz (oder sind es zwei Sätze?) hat wahrscheinlich jeder schon mal gehört. Mittlerweile könnte man den „Weltraum“ ebenso mit „Internet“ ersetzen. Das obige Bild ist Teil einer „Karte“ des Internets aus dem Jahr 2005 und erinnert mich in seiner Visualisierung an eine Galaxie, feinverzweigtes Wurzelwerk oder auch an eine Pusteblume. Wie auf einem Pusteblumenfeld die Samen, fliegen die Seiten vorbei, verliert man auf den fein verzweigten Wurzelwegen schon mal den Überblick bzw. das, was man eigentlich zu suchen vorhatte und kommt, wie ich hier gerade, vom Hundertsten ins Tausendste. Da sich nicht jeder Fund für einen eigenen Beitrag eignet oder dieser aber so lange aufgeschoben wird, bis er schließlich unter den Tisch fällt, möchte ich in Zukunft in unregelmäßigen Abständen hier auf dem Blog daraus Seitengeschnetzeltes braten oder – für die Vegetarier – Seitenschnipselsalat servieren, abgelegt unter der bereits vorhandenen Kategorie Tipps. Die Zutaten sollen vorwiegend literarisch angehaucht sein, können aber hie und da mit fremden Ingredienzien garniert werden. Bon Appétit!
Anfang Dezember bin ich über die Facebookseite von Olja Savičević Ivančević auf die Literaturzeitschrift „Sarajevske Sveske“ (zu dt.: Hefte aus Sarajevo) aufmerksam geworden, die vor nicht langer Zeit ihr 10jähriges Jubiläum feierte. Die Zeitschrift wurde von einer Gruppe Intellektueller aus allen Ländern des ehemaligen Jugoslawien ins Leben gerufen und beleuchtet seither aus verschiedenen Blickwinkeln viele Themen, u.a. Entwicklungen in der zeitgenössischen Literatur und Sprache der Region, Schriftsteller und nationalistische Ideologien, Literatur über den Krieg, nicht-europäisches Europa u.v.m. Zum Jubiläum erschien eine 208seitige Sonderausgabe „Best of Sarajevo Notebooks II“ übersetzt in englischer Sprache, in der es u.a. viele zeitgenössische Kurzgeschichten, darunter eine von Olja Savičević Ivančević, zu entdecken gibt. Die Ausgabe kann man sich als PDF kostenfrei herunterladen.
WORDS without Borders ist ein englischsprachiges Online-Magazin für internationale Literatur, das sich „der besten zeitgenössischen Literatur“ widmet. Jeden Monat werden 8-10 neue Werke internationaler Schriftsteller vorgestellt. Neben dem Magazin gibt es verschiedene Anthologien in gedruckter Form zu kaufen. Diesen Monat habe ich mich über die Rezension zu Dubravka Ugrešićs neuen Essayband „Karaoke Culture“ (dt. Titel: Karaokekultur) gefreut, der Ende Februar auf Deutsch im Berlin Verlag erscheint.
Im Guardian sind anlässlich des am 30. Dezember letzten Jahres verstorbenen britischen Zeichners und Karikaturisten Ronald Searle mehrere Artikel erschienen. Darunter sind 10 Zeichnungen aus seinem jüngsten Buch „Les Très Riches Heures De Mrs Mole“ zu bewundern. Searle hatte die Zeichnungen, insgesamt 47, über einen Zeitraum von fünf Jahren gemalt, als seine Frau den Brustkrebs bekämpfte. Ihr wurden damals, das war im Jahr 1969, 6 Monate gegeben. “Das war 40 Jahre her“ kann man unter einem der Bilder lesen. Sie hatte den Krebs besiegt. Die Bilder sind wunderschön und ein ganz besonderes Geschenk an einen geliebten Menschen. Bei ihrem Anblick fällt es mir nicht schwer zu glauben, dass sie Kraft spendeten und ihren Teil zur Genesung beitrugen. Ein Nachruf (darunter Links zu weiteren Artikeln über Searle) ist gestern im Guardian erschienen.
In der Notarskanzlei von Hermile Lebel haben sich Jeanne und Simon eingefunden, um der Testamentsverlesung ihrer verstorbenen Mutter Nawal Marwan beizuwohnen. Nawal Marwan hatte viele Jahre in Lebels Kanzlei als Sekretärin gearbeitet. Ihr letzter Wille wird verlesen:
„Beerdigen Sie mich völlig nackt
Beerdigen Sie mich ohne Sarg
Ohne Kleidung, ohne Leichentuch
Ohne Gebet
Mit dem Gesicht zum Boden
Legen Sie mich in ein Loch
Mit der Vorderseite der Erde zugewandt
Als Lebewohl
Schütte jeder
Einen Eimer kaltes Wasser über mich
Dann sollt ihr Erde auf mich werfen
Und mein Grab schließen“
Auf einen Grabstein und eine Inschrift solle ebenfalls verzichtet werden. Teil des Testaments sind auch zwei Umschläge, einer für Jeanne und einer für Simon. Jeanne erhält den Auftrag, den Umschlag ihrem Vater zu überbringen und Simon soll seinen Umschlag dem gemeinsamen Bruder überbringen. Weder wussten die Beiden, dass der Vater noch am Leben sein soll, geschweige denn von einem weiteren Bruder. Erst wenn die Umschläge ihren Empfänger erreicht haben, werde ein Stein auf ihrem Grab aufgestellt werden können und ihr Name in der Sonne geschrieben stehen, schreibt Nawal in ihrem Testament. Wo die Suche beginnen? Die letzten fünf Jahre verbrachte die Mutter in völligem Schweigen, auch ihren Kindern gegenüber. Die Überraschung über den ungewöhnlichen Willen der Mutter ruft bei Simon Zorn und Ablehnung hervor. Zu groß ist bei ihm die Wunde, die das plötzliche und unerklärliche Verstummen der Mutter hinterlassen hat. So ist es anfangs nur Jeanne, die ihre Aufgabe zu erfüllen versucht und so hinter das Schweigen ihrer Mutter kommen möchte. Sie macht sich auf in das Land ihrer Mutter.
„Ich werde versuchen, diesen Vater zu finden, und wenn ich ihn finde, wenn er noch am Leben ist, werde ich ihm den Umschlag geben. Ich tue das nicht für sie, sondern für mich. Für dich. Für die Zukunft. Aber dazu muss ich zuerst sie finden, Mama muss ich finden, in ihrem früheren Leben, in dem Leben, das sie all die Jahre vor uns versteckt hat. Sie hat uns blind gemacht. Heute habe ich Angst, verrückt zu werden.“
Stück für Stück lernen sie (Simon reist später nach) das Leben der Mutter und ihre eigene Herkunft kennen. Es ist eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes, die im Krieg begann.
Mouawads Theaterstück ist verschachtelt und verzweigt. Zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen wird nicht nur gesprungen, sondern sie scheinen gelegentlich zu verschmelzen, indem sie parallel und im Wechsel verlaufen (und interagieren teils, z.B. indem Nawal auf eine in den Raum gestellte Frage tatsächlich antwortet). Die Geschichte der Mutter Nawal führt von ihrer Jugend über das 40. Lebensjahr bis zu ihrem Tod im Alter von 60 Jahren. Die Zeitsprünge offenbaren ganz langsam das tief vergrabene Geheimnis Nawals, immer wieder unterbrochen von den Nachforschungen der Kinder. Mathematisches kommt metaphorisch zum Einsatz, wie z.B. die zu lösende Spekulation um das Vieleck.
“Wir gehören alle zu einem Vieleck. Ich dachte, ich würde meinen Platz in dem Vieleck, zu dem ich gehöre, kennen. Ich hielt mich für den Punkt, der nur seinen Bruder Simon und seine Mutter Nawal sieht. Jetzt erfahre ich, dass ich von dem Ort aus, an dem ich bin, auch meinen Vater sehen könnte. Ich erfahre auch, dass es noch ein weiteres Element in diesem Vieleck gibt, einen weiteren Bruder. Der Sichtbarkeitsgraph, den ich immer gezeichnet habe, ist falsch. Welcher ist mein Platz in dem Vieleck?”
Denis Villeneuve: Incendies
„Verbrennungen“ ist ein unglaublich erschütterndes Stück, dessen Spannung sich stetig steigert. Die Wechsel in Zeit und Ort bieten sich gerade auch für eine Verfilmung an. Dieser hatte sich der Kanadier Denis Villeneuve 2010 mit „Incendies“ angenommen. Ich bin erst über den Film auf das Theaterstück aufmerksam geworden, das, wie man am Ende des Buches lesen kann, seit 2006 eines der meistgespielten zeitgenössischen Theaterstücke im deutschsprachigen Raum ist. Der Film hat mich sehr bewegt und lange Zeit nicht losgelassen. Ich halte ihn für einen der besten des letzten Jahres. „You and whose army?“ von Radiohead wird wohl von nun an die Bilder des Films in den Kopf zurückholen. Eine deutsche DVD erscheint am 20. Januar. Ich empfehle den Film in französischer und arabischer Sprache mit Untertiteln zu sehen.
Wajdi Mouawad Verbrennungen Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2010 ISBN: 9783886612994 broschiert, 123 Seiten, 10€
Statt eines ausführlichen, schriftlichen Jahresrückblicks gibt es bei mir nur eine Kleinigkeit zum Stöbern und Rätseln in Form eines gebastelten Gruppenfotos. Zu sehen ist darauf eine Auswahl an Autoren – wenn ich mich nicht verzählt habe, dann sind es 24 – die mir in diesem Jahr besonders viel Freude und anregende Zeit verschafft haben.
Das Bild lässt sich mit einem Klick vergrößern und wenn man wissen möchte, wie eine Person mit Namen heißt, dann fährt man mit dem Mauszeiger über deren Gesicht. Unter dem Namen und dem bzw. den Titel(n) befinden sich Links zu Besprechungen hier im Blog, zu Videos bei Youtube, zu Rezensionen und interessanten Artikeln oder einfach zur Homepage des Autors. Viel Spaß beim Durchwühlen! (Leider lässt WordPress derlei HTML-Firlefanz auf den Blogs nicht zu, so dass ich das Bild auf meinem Webspace bei Arcor ausgelagert habe. Dafür sollte auch das Mouseover inklusive Links funktionieren.)
Das Ganze ist eher zufällig eine Art kleiner literarischer Adventskalender für die Nachweihnachtszeit geworden. Ich fand es ganz schön, mal die Gesichter einiger Autoren meiner gelesenen Bücher auf einen Blick zu sehen. Eigentlich hätten die Übersetzer auch eine gesonderte Erwähnung verdient, denn die deutschsprachigen Schriftsteller sind in der Minderheit, aber es sei hiermit an sie erinnert. Ohne ihre Fähigkeiten hätte ich bestimmt nicht so viel Freude an den Büchern gehabt.
Ob ich in schriftlicher Form noch einen Rückblick nachliefern werde, weiß ich noch nicht. Wenn, dann wohl erst im Frühjahr. Die kleine Collage ist nur eine Spielerei eines Photoshop-Amateurs, das Ergebnis also nicht überbewerten. Kritik und Anregungen sind selbstverständlich wie immer willkommen.
Ich wünsche allen Lesern einen guten Rutsch und alles Gute für das neue Jahr!
„This portal is representing and realizing the European idea of multilinguism, unity in diversity.”
Europa ist reich an Sprachen und Literatur. Dank der Arbeit vieler Übersetzer erhalten wir Einblicke in die vielfältigen Kulturen anderer Länder. Die mehrsprachige und mehrdimensionale Babel Web-Anthologie macht es über die sogenannte Babelmatrix möglich, Literatur sowohl im Original als auch in deren Übersetzung parallel anzuzeigen – in vielen verschiedenen Sprachen. Einen Teil davon kann man sich sogar vorlesen lassen. Die Datenbank wird laufend um Texte und Übersetzungen sowie um Informationen z.B. zu Autoren ergänzt. Übersichtlichkeit und eine einfache Bedienung machen das Stöbern in und die Suche nach Texten zum Vergnügen. Einzelne Seiten der Schriftsteller versammeln alle vorhandenen Werke und die entsprechenden Übersetzungen in einer Liste. Auf einer Mini-Matrix lässt sich dabei die Auswahl auf eine bestimmte Übersetzung eingrenzen. Ein Link zur Biographie des Schriftstellers, die sich wiederum in mehreren Sprachen anzeigen lässt, rundet die Autorenseite ab. Für Sprachbegeisterte, Sprachbegabte, Sprachenlerner und Neugierige ist diese Literaturdatenbank sicherlich eine Fundgrube und Abenteuerspielplatz zugleich.
Unterseiten und Teil der Anthologie sind der Visegrad Magic Cube, ein kleiner Ausschnitt der Babelmatrix, der nur Literatur der vier Visegrád-Länder Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn in unterschiedlichen Übersetzungen anbietet und Magyarul Bábelben, deren Matrix sich auf Ungarische Literatur oder Übersetzungen ins Ungarische beschränkt. Einen ausführlichen Überblick über die genaue Funktionsweise, Zahlen zu den bisher enthaltenen Texten und Links gibt es beim Czech Literature Portal, das seinerseits einen wunderbaren Überblick zur Tschechischen Literatur bietet.
Bei Recherchen nach Literarischem aus und über bestimmte Regionen, die üblicher- und somit selbstredend auch bedauernswerterweise weniger Aufmerksamkeit erfahren, als beispielsweise die Literatur aus dem englischsprachigen Raum, begegnet der einsame Schatzsuchende zum Glück manchmal einer Gruppe von Menschen, deren wertvolle Anregungen ihm nützliche Wegweiser entlang der unbekannten Pfade durch fremde Länder sein können. Die Online-Zeitschrift „Transcript“ nimmt den reisefreudigen und abenteuerlustigen Leser an die Hand und bepackt den Rucksack mit literarischen Wanderkarten, derer er sich bei Interesse bedienen und die er gerne weiterverfolgen kann. In den vergangenen 10 Jahren bereiste die Zeitschrift die unterschiedlichsten literarischen Regionen Europas und bietet inzwischen ein außerordentlich farbenfrohes Spektrum an Prosa und Lyrik, u.a. in Gestalt von Textauszügen, Interviews und Essays, übersetzt in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Französisch), dem fernwehgeplagten literarischen und experimentierfreudigen Feinschmecker auf ihrer vierteljährlich erneuerten Speisekarte feil. Bestenfalls bringt das ein oder andere Appetithäppchen den Goldgräber auf den Geschmack und lässt ihn die Spitzhacke auspacken um selbst nach verborgenen Schätzen zu graben.
Anfang des Jahres besprach ich den ersten Band der Tagebücher Susan Sontags, der mir ihre Person näher brachte und den ich als sehr spannend und lesenswert empfand. Bereits im März des vergangenen Jahres erschienen, hielt ich gelegentlich immer mal Ausschau, wann der nächste, der insgesamt drei Bände folgen würde. Seit ein paar Wochen hat Amazon.com den zweiten Band mit dem Titel „As Consciousness Is Harnessed to Flesh: Journals and Notebooks, 1964-1980“ zur Vorbestellung ins Sortiment aufgenommen. Als Erscheinungstermin wird der 10. April 2012 angegeben, der Verlag selbst hält noch keine Informationen bereit. Über einen Termin einer deutschen Übersetzung – der erste Band erschien, wie so viele Bücher von und über Sontag, beim Hanser Verlag – konnte ich noch nichts finden. In den USA wurde „Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963“ schon Ende 2008 veröffentlicht (und ist mittlerweile zum Tiefstpreis erhältlich, 10$ als Hardcover und 6$ als Paperback). Bleibt zu hoffen, dass diesmal zwischen dem Erscheinungstermin der Originalausgabe und dem der Übersetzung etwas weniger Zeit verstreicht. Ich bin gespannt und vielleicht geneigt, diesmal zum Original zu greifen.
Des Weiteren freue ich mich auf den voraussichtlich noch diesen Monat erscheinenden 3. Band der „Souvenirs Entomologiques“ von Jean-Henri Fabre, wenngleich ich den 2. Band noch nicht beendet habe. Völlig im Rückstand bin ich mit Warlam Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“, die in dem gerade erschienenen 4. Band ihren Abschluss finden.
Auch wenn ich noch mit ausreichend (stark untertrieben!) Lektüre ausgestattet bin, ist die Vorfreude bei mehrteiligen Ausgaben auf die folgenden Bände besonders groß.
Noch einmal etwas unternehmen bevor die Routine am neuen Ort Einzug hält. Etwas von dem ich noch eine Weile zehren kann, wenn die Tage kürzer und stürmischer werden, das war die Devise. Das Wetter lässt sich nicht planen, schon gar nicht, wenn man, um den bulimischen Geldbeutel (er kann die Penunzen nicht lange behalten und ist deshalb chronisch dünn) zu schonen, einen Monat vor Reiseantritt bucht. Falls es dann am besagten Termin regnet, hält man es eben mit zwei Figuren aus Woody Allens jüngstem Film „Midnight in Paris“: „Paris ist am schönsten, wenn es regnet.“ Paris war jedoch nicht das Ziel und statt Regen verwöhnte mich das ganze Wochenende die goldene Oktobersonne. Oder um es mit den Worten Béla Balázs‘ auszudrücken, es herrschte „reiner Himmel“.
„Ein ganz reiner Himmel, den nicht das kleinste Wölkchen befleckt, ist sehr selten. Er wirkt überraschend und unnatürlich. Das ist nicht mehr bloß gutes Wetter. Es ist überhaupt kein Wetter mehr. Die Atmosphäre verschwindet, die sich schonend zwischen uns und den Weltraum geschichtet hat. Der Abgrund öffnet sich über unserem Haupt und, entblößt vor dem ganzen Sonnensystem, stehen wir da in kosmischer Nacktheit.” (1925)
Da stehe ich also, in kosmischer Nacktheit, an einem Samstagmorgen am Bahnhof Antwerpen-Centraal und wähne mich bereits in einer Kathedrale. Das monumentale Bahnhofsgebäude verbindet alte und neue Architektur und fasziniert mit seinen lichtdurchfluteten Fenstern, Rundbögen, breiten Treppen und goldenen Verzierungen unter einer riesigen Kuppel. Alleine deshalb lohnt es sich schon, mit dem Zug anzureisen.
Bevor ich mit den weiteren Unternehmungen fortfahre, möchte ich kurz einschieben, wieso ich gerade Antwerpen als Reiseziel auswählte. Auslöser war der Roman „Die Ankunft des Joachim Stiller“ von Hubert Lampo. Der im Antwerpen der Nachkriegszeit spielende Roman, genauer in den Jahren 1958/59, zählt zu den Werken des Magischen Realismus der flämischen Literatur und erschien 2009 erstmals in deutscher Übersetzung in der Reihe „Bibliothek der Entdeckungen“ des Mitteldeutscher Verlag. Schon damals konnte ich mich der Faszination, die die Geschehnisse ausstrahlen, die in den Ausbesserungsarbeiten an den Pflastersteinen in der Kloosterstraat ihren Anfang nehmen, nicht entziehen. Als dann vor kurzem im ZDF Montagskino belgische Filme liefen, die in Antwerpen spielten, griff ich mal wieder zu Hubert Lampos Roman – und war erneut gefesselt. Bruno Schulz, Michail Bulgakow, Johan Daisne, Juan Rulfo, Leo Perutz und Hubert Lampo, um nur einige wenige zu nennen, zählen zu den Autoren des Magischen Realismus, in der die Realität nicht nur aus der wirklichen sondern auch aus einer magischen Komponente besteht, die sich dem Rationellen entzieht, der in „Die Ankunft des Joachim Stiller“ jedoch auf den Grund zu gehen versucht wird. Diese Mischung finde ich sehr spannend, hinzu kommt noch die besondere Atmosphäre, die vielen Werken zu Eigen ist. So hatte auch das beschriebene Antwerpen seinen Reiz, dem natürlich schon ein paar schöne Bilder aus den Filmen hinzugefügt werden konnten.
Zurück zum Ausgangspunkt: vom Bahnhof geht es direkt in Richtung Nordwesten zum Godefriduskaai, in das ehemalige Hafenviertel „Het Eilandje“. Ein Yachthafen, das am 17. Mai eröffnete „Museum aan de Stroom (MAS)“, das denkmalgeschützte Sint-Felixpakhuis – ein ehemaliges, neu renoviertes Speicherhaus mit Innenhofstraße, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist – der weiter nördlich liegende Hafen (der zweitgrößte Europas) und die nicht weit entfernte Schelde sind meine Anlaufstellen.
Am Ufer der Schelde spaziere ich in Richtung Innenstadt, vorbei an den alten Hangars und der Burg Steen zum Steenplein, von wo aus man einen wunderbaren Blick auf die Liebfrauenkathedrale hat. Ein beeindruckendes Bauwerk, dessen prächtiges Innenleben auch noch eine Ausstellung von Gemälden (Reunion: Von Quinten Metsijs bis Peter Paul Rubens) beherbergt, die ursprünglich für die Kathedrale gemalt wurden und nun aus dem Königlichen Museum wieder in die Kathedrale zurückkehrten. Über den Grote Markt gehe ich zum Groenplaats und mache Mittagspause. Was esse ich in Belgien? Natürlich eine große Portion der weltbesten Fritten, hier bei Fritkot Max, der um die 20 Saucen zur Auswahl hat. Nachhaltig gestärkt und den Geldbeutel geschont geht es an der Antwerpener Metro vorbei in Richtung Meir (In der Metro wird man übrigens immer sanft mit Musik beschallt, mit ebenso sanften Liedern). Die Einkaufsstraße Meir führt mit der Leysstraat und De Keyserley wieder zum Bahnhof und soll eine der belebtesten Einkaufsmeilen Belgiens sein, also so etwas wie die Schildergasse in Köln, im Gegensatz dazu allerdings mit architektonischen Prachtbauten. Hier ist dann auch das volle Leben, wie ein Samstagnachmittag in einer Großstadt eben so aussieht. Aber die Menschenmassen verteilen sich gut und in den Seitenstraßen gibt es viel zu sehen, z.B. das Rubenshaus oder ein Markt am Theaterplein, ein botanischer Garten, in dem Pflanzen wachsen, die denen in „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in nichts nachstehen. Als Feinschmecker besuche ich natürlich auch eine der berühmten Chocolatiers, „Burie“ in der Korte Gasthuisstraat. Schon beim Blick ins Schaufenster gehen mir die Augen über und das Wasser läuft im Munde zusammen. Beim Essen gespart, greife ich für die Schokolade etwas tiefer in die Tasche und kaufe, passend zur Jahreszeit, eine Kastanie aus verschiedenen Schokoladensorten umhüllt mit Marzipan. Mittlerweile geht es dem Abend zu, Zeit für eine Pause und ein belgisches Bier. Ich entscheide mich für ein dunkles Bier, namens Corsendonk, das wirklich hervorragend schmeckt. Auch wenn man in Antwerpen immer mal wieder auf Juweliergeschäfte trifft, ist ein Spaziergang durch das Diamantenviertel Antwerpens schon alleine aufgrund der schier unglaublichen Anzahl von Diamantenhändlern, die sich aneinanderreihen, wie anderswo die Büdchen und Kioske, beeindruckend. Mit den Steinen an sich konnte ich noch nie etwas anfangen, aber es heißt ja auch „Diamonds are a girl‘s best friend“.
Jetzt ist es Zeit ins Hotel zu gehen und mich noch einmal für den Abend frisch zu machen. In der Arenbergschouwburg geht es auf ein Konzert der spanischen Band „Russian Red“, auf das ich mich sehr freue und das das Datum (15./16. Oktober) für meinen Kurztrip festlegte. „Russian Red“, das sind auf der Tour in Antwerpen die Sängerin und Liedermacherin Lourdes Hernández (auch diverse Gitarren) aus Madrid, Charlie Bautista (Keyboard, Percussion, Gitarre und Background Vocals) und Emilio Díez (Gitarre, Background Vocals). Nach ihrem grandiosen ersten Album „I love your glasses“ aus dem Jahr 2008 präsentieren „Russian Red“ ihr neues Album „Fuerteventura“, das im Mai dieses Jahres erschien. Es deckt alle Emotionen ab, von purer Freude über Melancholie, von langsam verträumt bis leicht, schnell und verspielt. Hernández‘ unverwechselbare Stimme und Stil machen auch dieses Album zum Erlebnis. Die Songs bewegen sich zwischen Folk, Indie und Rock. Lourdes Hernández ist live eine Wucht, ihre stimmlichen Fähigkeiten beeindruckend und überhaupt macht die Band einen sehr sympathischen Eindruck. Im wirklich kleinen Saal herrscht eine äußerst angenehme, fast intime Atmosphäre. Viele von Hernández Kompositionen sind sehr originell. Neben dem kompletten neuen Album (u.a. “Nick Drake“, “A Hat“) spielen „Russian Red“ auch Lieder ihres Debütalbums (z.B. das wunderbare „Cigarettes“), den Song „Loving Strangers“ (Titelsong des jüngsten Films von Julio Médem, „Habitación en Roma“) und auf Spanisch „Todas Mis Palabras“, eine spanischsprachige Cover-Version des Songs „All my little words“ von „The Magnetic Fields“. Vor dem Auftritt der Band war das Lied schon einmal auf CD zu hören, gespielt von einer Band aus Buenos Aires, „Alvy, Nacho y Rubin interpretan a Los Campos Magnéticos“. Lourdes Hernández erzählt, wie sie mit den Dreien zusammen spielte und die Coverversion nun ihrerseits sehr gerne ins Programm nahm. (Das Lied gefällt mir so gut, dass ich mir daheim gleich die CD auf deren Webseite kaufe.) Nach dem Konzert (Bilder gibt es hier) lasse ich den Abend an der Bar mit ein paar Bier ausklingen, die Bandmitglieder mischen sich auch unter das Volk bevor sie weiterziehen.
Ich nehme mir vor, am nächsten Morgen ganz früh aufzustehen, um eventuell ein paar schöne Fotos des Sonnenaufgangs über der Stadt zu knipsen. Stattdessen frühstücke ich gemütlich um 9 Uhr und verlasse danach das Hotel. Die angedachte Hafenrundfahrt verpasse ich deshalb knapp, die nächste geht erst am Nachmittag, wo ich schon wieder im Zug sitzen werde. Da ich aber schon mal an den Kais bin, beschließe ich spontan, die Wanderrouten auszutesten.
Es lohnt sich! Kaum eine Menschenseele ist am Sonntagmorgen bei strahlendem Sonnenschein auf den schönen Wegen zwischen Rijnkaai, Royerssluis, Amerikadok-Zuidkaai und Scheldelaan unterwegs. Wenn nicht am frühen Nachmittag mein Zug fahren würde, könnte ich ewig weitergehen, bis zum Meer. Heute ist einer der Tage, an denen ich Bäume ausreisen könnte. Irgendwann mache ich kehrt, weil ich den Zug nicht verpassen darf. Schnelleren Schrittes geht es am Ufer entlang zurück bis zum Steenplein, wo ich nochmals an einer Pommesbude Mittag mache, diesmal mit Saus Andalous – ein bisschen Schärfe muss sein. Gegen 13 Uhr nehme ich am Groenplaats die Metro zum Bahnhof. Eine knappe halbe Stunde später sitze ich zufrieden im Zug nach Hause, um eine Menge schöner Erinnerungen reicher.